Daniel Guggenheim Quartett | 10.04.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Stücke, die man an diesem Abend im Neuburger Birdland Jazzclub zu hören bekommt, kann man nach Aussage ihres Schöpfers, des Sopran- und Tenorsaxofonisten Daniel Guggenheim, ihren Stimmungen gemäß, in Farben einteilen. Tut man dies, dann wäre „Passion“, die kraftvolle, intensive, fast ungezügelte Eröffnungsnummer, Teil der roten Gruppe, stünde „Love’s Lost Way“ gleich im Anschluss daran, eher zurückhaltend und nonchalant, für Orange, und wenn sich Ruhe und Gelassenheit einstellen wie etwa bei „For Ute“ und „Solitude“ in der Zugabe, könnte man jene der Farbe Blau zuordnen und hätte damit auch gleich eine Erklärung dafür, warum sich das aktuelle Album des Daniel Guggenheim Quartetts „Red Orange And Blue“ nennt.

Man kann natürlich auch ungeachtet solcher Überlegungen ganz einfach eintauchen in die Stimmungen, den wunderbaren Melodien lauschen oder sich tragen lassen von den fließenden Harmonien, von den schmerzhaften Empfindungen hinter dem tiefroten „Longing“ oder der Behaglichkeit von „From Minor To Major“, jenem Stück, in das Pianist Sebastian Sternal nach allen Regeln der Kunst solistisch einführt. Neben Guggenheim, dessen Spiel vom großen John Coltrane deutlich beeinflusst ist, ist er mit seinem immensen Einfallsreichtum an den schwarzen und weißen Tasten der zweite Garant für diesen so überaus gelungenen Abend. Man kennt ihn im Birdland. Sein legendäres Geisterkonzert während der Corona-Pandemie fand zwar ohne Publikum vor Ort statt, ging dafür aber via Rundfunk über den Äther und war eine absolute Glanztat. An jenes denkwürdige Highlight in den Tagen der Dunkelheit erinnert so einiges von dem, was Sternal nun, Jahre später, einbringt in dieses Quartett. Wobei er und sein Chef ja nicht die einzigen sind, die zu großer Form auflaufen. Das höchst unorthodoxe Solo des quirligen Drummers Silvio Morger in „Longing“ ist ebenso ein Genuss wie das Spiel des Stoikers Dietmar Fuhr am Kontrabass, der mit runden, vollem Ton die Basis bildet, auf der sich die Solisten austoben und brillieren können.

„Bitte anschnallen!“, sagt Guggenheim, als er „Abstraction“ ankündigt, und spielt ein Solo, mit dem er an einen wild gewordenen Hornissenschwarm denken lässt. Dann taucht er zusammen mit seiner Band bei „Mystery In Casablanca“ ein in eine Nummer, in der man sich vorkommt wie in ständig in Bewegung befindlichem Treibsand, lässt schließlich das zweite Set ausklingen mit dem mit gut geöltem Motor dahin schnurrenden „Between Earth And Sky“, einem Stück, dessen Sog man sich mit purem Wohlbefinden überlässt, ohne irgendeinen Gedanken an die Farbpalette Guggenheims, auf der an dieser Stelle vermutlich Orange besonders deutlich hervorstechen würde.

Und dann ist da noch jenes Stück gleich nach der Pause, das noch keinen Titel hat. Guggenheim bittet das Publikum, sich einen zu überlegen. „Birdland!“ ruft jemand, aber das geht nicht, denn der existiert schon. Aber vielleicht wäre ja „Almost Too Late“ oder „Just In Time“ eine Option, weil Bassist und Schlagzeuger – die Bahn lässt wieder mal grüßen – es gerade noch rechtzeitig zum Konzert geschafft haben. Und so kommt das Publikum sogar noch zu einer Weltpremiere, denn laut Guggenheim war nicht mal mehr Zeit, das Stück vorher wenigstens einmal gemeinsam zu proben. Dass es dennoch problemlos funktioniert, spricht für die Klasse dieser Band.