Wunsch – Zurhausen Quartet | 16.05.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Die Klammer für dieses Konzert, bei dem auf den ersten Blick verschiedene musikalische Welten aufeinanderzuprallen scheinen, die sich jedoch bald zusammenfinden zu einer neuen, ist wieder einmal der Blues, der Allzweckkleber, der im Jazz und im Rock so ziemlich alles verbindet. Da ist gleich zu Beginn das Stück „Übermäßig blau“ aus der Feder Frank Wunschs, der an diesem Abend im Birdland Jazzclub am Flügel sitzt, und am Ende Ornette Coleman’s „Turnaround“, beides Blues-Kompositionen, aber richtig interessant ist, was in den knappen zwei Stunden dazwischen vor sich geht.

Frank Wunsch wurde bekannt als enger Wegbegleiter von Albert Mangelsdorff und Lee Konitz und steht in dem Ruf, als Solist und Begleiter phantasievoll und doch völlig frei von Klischees zu Werke zu gehen. Seine Partnerin ist Christiana Zurhausen, Gitarristin mit Hang zu freier Improvisation, zum Jazz und auch zum Grunge. Das sind zwei Pole, die unter Mithilfe des Schlagzeugers Ramon Keck und des Kontrabassisten Conrad Noll sich aufeinander zu bewegen, weil sie sich achten, sich gegenseitig Raum geben und auf subtile Art die Möglichkeiten des Jazz ausschöpfen. „Warum die Eile?“ heißt eine Komposition Zurhausens, die einerseits Bossa Nova ist, andererseits aber auch urgemütlich. Wunschs „Blauer Nachmittag“ und die beiden Duette „Joana’s Waltz“ und „Tango Unchained“ betonen das lyrische Element, „Monk’s Honk“ und Zurhausens „Bling Bling“ bestechen mit ihren hinreißenden Bebop-Themen und in „Tristano’s Dream“ entwickelt sich ein ebensolches in Richtung Avantgarde. Ja, diese Band ist überaus vielseitig und das Konzert ist es auch, entwickelt nach einem Start, bei dem noch nicht ganz klar ist, wohin die Reise an diesem Abend gehen wird, eine eigene Sprache, bei der die Strukturen der Kompositionen mindestens ebenso wenn nicht sogar wichtiger sind als die improvisierten Abschnitte. Das strafft und öffnet mit jedem Stück einen neuen Raum.

Punktabzug gibt es freilich für die beiden Standards, für Arnold Harlen’s „Stormy Weather“ und Dave Mann’s „No Moon At All“, was an Zurhausens eigenwilligem Gesang liegt. Vielleicht schimmert an dieser Stelle ja das Grunge-Erbe durch, aber man kommt am Ende dann doch zu dem Schluss, dass sie als Gitarristin beeindruckend ist, als Sängerin aber gewöhnungsbedürftig. Aber wie auch immer: Am Ende ziehen die Kompositionen, deren Umsetzung und die freundliche Art Zurhausens als Moderatorin des Abends immerhin zwei Zugaben nach sich, worüber die Musiker sichtlich selbst überrascht sind und ihren neu gewonnenen Fans noch Wunschs „Abendlied“ offerieren, eine wunderschöne kleine Preziose, leise, intim, mit Hingabe vorgetragen. Dass sich an diesem Abend mit Frank Wunsch (Jahrgang 1945), Christiana Zurhausen (Jahrgang 1981), Ramon Keck und Conrad Noll nicht nur verschiedene musikalische Fußabdrücke zu einem vereinen, sondern auch noch zwei Generationen aufeinander treffen, ist dabei lediglich eine Marginalie, denn Altersunterschiede sind im Jazz noch nie ein Thema gewesen. Alle sprechen die gleiche Sprache, mögen die Dialekte, die Mundarten und die Färbungen auch noch so unterschiedlich sein. Das verbindet, lässt aber auch immer eigene Wege zu.