Osian Roberts Quartet | 22.05.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Musiker, die hat man einfach nicht auf dem Schirm, weil ihre Aktivitäten hauptsächlich unterhalb des öffentlichen Radars stattfinden. Viel­leicht liegt es daran, dass sie ganz ein­fach zu den Stillen im Lande gehören, ihnen jegliches Spektakel fremd ist. Oder weil sie wie Osian Roberts aus ei­nem Umfeld kommen, das man so gar nicht mit Jazz in Verbindung bringt. Der lebt in der walisischen Hauptstadt Car­diff und gilt als einer der auffälligsten Tenorsaxofonisten des Vereinigten Kö­nigreichs. Nur bekommt man das auf dem Kontinent viel zu wenig mit.

Fragt man Roberts nach seinen musika­lischen Helden, fallen die Namen Can­nonball Adderley und John Coltrane und deren gemeinsames Album „The Can­nonball Adderley Quintet in Chicago“, Sonny Rollins und Charly Parker. Mit deren Werk hat er sich ausgiebig be­schäftigt, aus deren Federn und aus de­ren Zeit stammen die bekannten und nicht selten weniger bekannten Stücke seiner Setlist, aus ihnen hat er seinen großen, markanten, ehrlichen Ton entwi­ckelt, der bei Cedar Walton’s „Turquoise Twice“ an ein Nebelhorn erinnert und bei Johnny Mandel’s „The Shadow Of Your Smile“ einem förmlich ins Herz si­ckert und einem damit die ganze Breite seiner Möglichkeiten eindrücklich vor Augen führt. Roberts ist ein Spezialist darin, all das, was man üblicherweise mit den großen Labels wie Blue Note, Contemporary, Riverside oder Prestige verbindet, auf seine Art auf die Bühne zu bringen und dabei eine eigene Linie zu entwickeln.

Unterstützt von seiner bestens auf ihn eingestellten Band mit Julian Schmidt am Flügel, Giorgos Antoniou am Kontrabass und Michael Keul am Schlag­zeug, liefert er nicht nur grundsolides Handwerk unter besonderer Berücksich­tigung der Ära des Hard Bop, sondern verlässt an diesem Abend die Kategorie „Geheimtipp“ und wechselt hinüber in die mit der Überschrift „Entdeckungen des Jahres“. Wobei ihn natürlich auch das Repertoire des Abends unterstützt, das Klassiker wie Duke Ellington’s „Sa­tin Doll“ und Cole Porter’s „Just One Of Those Things“ ebenso umfasst wie Char­lie Parker’s „Dewey Square“, Tom McIn­tosh’s „Cup Bearers“ oder Billy Stray­horn’s „The Intimacy Of The Blues“, also auch Stücke, die man wahrlich nicht nicht jeden Tag hört.

Optimal ins Geschehen eingebettete Soli aller Beteiligten, weite Spannungs­bögen, klar umrissene Strukturen, dazu dieser Saxofon-Ton, auf dem man Häu­ser bauen könnte – das sind die signifi­kanten Merkmale dieses Konzerts, in dem nie das musikalische Erbe ange­fochten, nie der Ausgangspunkt oder die Basis in Frage gestellt werden, das aber zeigt, was dennoch alles innerhalb abge­steckter Grenzen möglich ist. Und so en­det der Abend mit dem Osian Roberts Quartet, der ganz zu Beginn noch ein wenig geprägt war von Zurückhaltung und Vorsicht, dann schließlich mit laut­starkem Beifall, einer umjubelten Zuga­be und der Erkenntnis, tatsächlich eine echte Entdeckung gemacht zu haben. Was einem ja beileibe nicht zum ersten Mal passiert, wenn man „einfach so“ mal ins Birdland geht, ohne den Namen des Mu­sikers vorher jemals gehört zu haben. Der von Osian Roberts dürfte sich de­nen, die diesen Schritt getan haben, auf jeden Fall nachhaltig eingeprägt haben. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass auch aus Gegenden, die man bislang für Jazz-Diaspora gehalten hat, mitunter ganz erstaunliche Dinge kommen.