Tristano Unchained | 15.03.2024

Donaukurier | Karl Leitner
 

„Am Anfang wissen wir erst einmal gar nichts“, sagt der Altsaxofonist Julian Bossert, und Pianist Thomas Rückert fügt hinzu: „Wir spielen jetzt noch ein Stück, aber ich kann nicht sagen, welches“. Das klingt nach einer Band im ganz bewusst gewählten Blindflug-Modus, bei dem sich die Musiker – und mit ihnen ihr Publikum – erst einmal orientieren müssen, nach einem eher intellektuellen Ansatz und vor allem nach einer unbändigen Lust auf Improvisation. Und ganz genau darauf läuft es dann auch hinaus.

Bossert, Rückert und deren Kollegen Stefan Karl Schmid am Altsaxofon, Calvin Lennig am Kontrabass und Fabian Arends am Schlagzeug verfolgen das Konzept „Alles ist möglich!“, lieben das Gefühl der Freiheit beim Improvisieren, sind gleichberechtigte Partner und jeder hat seinen Anteil daran, dass es auch umgesetzt werden kann. Deswegen heißt ihr aktuelles Album auch „Democracy“ und nennt sich das Quintett selbst, das da im Birdland Jazzclub auf der Bühne steht, „Tristano Unchained“. Der blinde Jazzpianist Lennie Tristano (1919 – 1978), war Musiker, aber auch Lehrer von Herbie Hancock, Cecil Taylor, Bill Evans und Bill Konitz. Mit letzterem spielte auch Rückert, auch im Birdland, womit sich der Kreis schließt und verständlich wird, warum die Band so klingt wie sie klingt.

Tristano war der Initiator dessen, was man Kontrafaktur nennt, und Konitz, Bossert, Rückert und der Rest der Band waren und sind deren absolute Fans. Dabei werden aus dem Stehgreif etablierte Jazz-Standards auswählt, über deren bereits vorhandene Akkorde neue Melodien gelegt und somit im Moment des Spielens neue Stücke komponiert. Dass dabei ständig neue Nummern entstehen, belegt die Setlist, die zu völlig anderen Ergebnissen kommt als die Studiosession, die dann zur CD „Democracy“ führte. Nur Horace Silver’s „Peace“ hat es vom Tonträger auf die Birdland-Bühne geschafft, alles weitere sind selbst den Musikern vorher unbekannte Uraufführungen, die einfach nur deswegen entstanden, weil es der Band in diesem Augenblick genau so gefiel.

Freilich, ein bisschen offene Ohren braucht man schon, um das theoretische Konzept dann auch real nachvollziehen zu können. Das Ganze hat trotz – obwohl letzten Endes alles auf Improvisation beruht – nichts mit Free Jazz zu tun, denn man hört durchaus – an manchen Stellen sogar ziemlich deutlich – heraus, auf welchen alten die neuen Kompositionen aufbauen. „Stella By Starlight“, „All The Things You Are“ und „Taking A Chance On Love“ werden vor der Pause zu einem halbstündigen Block zusammengezogen, „Out Of Nowhere“, Body And Soul“ und „Bye Bye Blackbird“ stehen jeweils für sich. Das sind Stücke, die immer wieder im Birdland in anderem Zusammenhang zu hören sind, aber sicherlich nicht in einer derart waghalsigen Bearbeitung wie dieser, bei der nur noch Bruchstücke übrig bleiben und der Rest dem Augenblick und der Eingebung überlassen werden.

Das Schöne ist, dass diese herausfordernde Musik auf ein offenes Publikum trifft, das einfach nur gespannt lauscht, auf Szenenapplaus bewusst verzichtet, weil er hier einfach fehl am Platze wäre, um statt dessen am Ende um so größere Begeisterung zu zeigen. Ein hochinteres-santer Abend.