Es gibt da eine alte Binsenweisheit im Jazz: Den Unterschied zwischen guten und wirklich guten, ja hervorragenden Musikern erkennt man erst, wenn sie Standards spielen. Diese ultimativen Gradmesser, die längst den Status eines weltumspannenden Vokabulars des Genres erreicht haben, trennen zuverlässig die Spreu vom Weizen.
Mit den legendären Nummern des Great American Songbook zeigt sich meist recht schnell, ob er oder sie eines dieser vermeintlich lahmen Schlachtrösser wieder mit ungeahnten Impulsen, frischen Ideen und vor allem einer ganz persönlichen Note flott machen kann. Nicht wenige scheitern an dieser Aufgabe bravourös und retten sich als Plagiatoren über die Runden. Sie können’s halt nicht. Randy Ingram ist zum Glück anders. Einer der wirklich guten, ja hervorragenden Pianisten.
Wie der Amerikaner bei seinem Gastspiel im voll besetzten, atemlosen Neuburger Birdland mit den Songs jongliert, die nicht seine eigenen sind, das erhebt ihn automatisch zu einem der ganz Großen des Genres und weckt unweigerlich Erinnerungen an den legendären Keith Jarrett, der sich krankheitsbedingt längst zurückziehen musste. Auch der „Gott des Jazzpianos“ liebte es, über Standards zu improvisieren, eigene Kompositionen von ihm dagegen sind weitgehend unbekannt.
Auch der Wahl-New Yorker probiert im Trio mit dem chamäleonartig anpassungsfähigen Bass-Meister Drew Gress und dem manchmal leicht überdrehenden, schwedischen Nachwuchsdrummer Karl-Henrik Ousbäck immer wieder, eigene Songs zu etablieren. Sie tragen Titel wie „Toward Polaris“, „Castle And Fog“ oder „Into The Night“, sind harmonisch gelungene, schöne Nummern und zeigen Ingrams stupende Fingerfertigkeiten auf.
„It Wont End This Way“ ist ein tieftrauriges, wehmütiges Stück, eine Erinnerung an eine Zeit, die nicht Krieg hieß, ein bisschen melodramatisch, aber eine sinnlich-schmerzliche Rhapsodie voller beklemmender Betroffenheit. Sein organischer, kristalliner Sound lässt Raum für die prägnanten Feinheiten der Mitstreiter, er erzählt Geschichten aus seinem Innersten, besitzt diese unverkennbare lyrisch swingende Note und kann Soli wirklich völlig anders strukturieren als es an jeder Hochschule gelehrt wird. Doch die Nummern sind in dem Moment wieder verschwunden, in dem der letzte Ton verklungen ist. Sie bleiben nicht hängen. Was so viel bedeutet wie: Randy Ingram wird wohl der Nachwelt ganz offenbar keine eigenen Standards hinterlassen.
Doch immer, wenn er, Gress und Ousbäck sich Standards widmen, wendet sich das Blatt schlagartig. Dann werden Notenblätter Nebensache, es geht nur noch um intuitives Musizieren, einer Trance gleich, weil Stücke wie „Penelope“ von Wayne Shorter, „Dedicates To You“ von Sammy Cahn oder „My Foolish Heart“, den vor allem Ingrams großes Vorbild Bill Evans bekannt werden ließ, jeden Abend anders klingen müssen. Am eindrucksvollsten stellen sie dies im rumorenden, perlenden, adrenalinhaltigen „You And The Night And The Music“ unter Beweis, einem Song, der das Birdland-Publikum mit dem bekannt feinen Sensor von den Sitzen reißt. Man spürt förmlich die Energie, die von der Bühne aus den Hofapothekenkeller flutet.
Als Zugabe gibt es dann noch eine wunderschöne, innerliche, träumerische, schwerelose Ballade – Randy Ingram allein am Bösendorfer-Flügel in seinen Harmonien versunken. Melodientrunken. Die Zeit scheint in diesem Moment stillzustehen. Und jeder weiß es spätestens jetzt: Da oben sitzt und fühlt ein unscheinbarer, fabelhafter Pianist!

