Quique Sinesi & Martin Sued | 13.05.2023

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Eigentlich ist da jedes weitere Wort überflüssig, denn es gibt schlicht keine bessere Erklärung mehr für das, was Quique Sinesi und Martín Sued an diesem Abend im Hofapothekenkeller tun. „Melodias Aires: Das sind Melodien, die durch die Luft fliegen“, kündigt Sinesi, der Meister auf der zwölfsaitigen Gitarre leise das letzte Stück des Abends an. „Und wir versuchen sie zu fangen.“

Das Fangen von Melodien, das Aufschnappen von Ideen, Impulsen, Inspirationen und das Transformieren all dieser Ingredienzien in etwas Neues, Eigenes: Im Prinzip umreißt der 63-jährige, Grammy dekorierte Saitenzauberer, ein rastloser Pendler zwischen Buenos Aires und Berlin, damit das ganze Wesen der Musik. Dabei geht es längst nicht mehr um uniforme Genre-Schubladen, sondern einzig um Anmut und klingende Emotionen. Die Fans im nahezu ausverkauften Birdland Jazzclub kennen Quique Sinesi und seinen jungen Partner, den Bandoneon-Virtuosen Martín Sued, eigentlich nur im Gespann mit dem schier übergroßen Tango-Nuevo-Pianisten Pablo Ziegler, der sie bislang stets ein wenig in die Sideman-Rolle drängte. Nun dürfen die beiden Argentinier im intimen Duo endlich zeigen, wie echte Subtilität funktioniert. Denn gerade eine Kleinstformation wie diese erfordert allerhöchste Präzision, ohne dabei die intuitive spielerische Leichtigkeit aus dem Auge zu verlieren. Sämtliche Einsätze müssen auf den Punkt passen, weil nichts zurückgenommen oder überspielt werden kann. Im besten Fall entstehen dann Melodien von atemberaubender Schönheit, die so nur in dieser Kombination funktionieren können.

Auch Martín Sueds Bandoneon, diese Variante des Akkordeons, die nicht etwa aus Südamerika stammt, sondern von dem Chemnitzer Heinrich Band erfunden wurde, entfernt sich auf erfrischende Weise von allen Klischees. Da schnauft kein alter Mann mit einem Bündel auf einem steilen Bergweg, mühevoll, gebeugt von der Last des zu Ende gehenden Lebens. Sueds Ton klingt frisch, jung, neugierig, voller Kraft, so als würde er einen Beutel voller Sterne schultern, die er im Laufe des Abends langsam im Keller verstreut. Ihn dabei zu beobachten, wie er seinem Blasebalg wundersame Töne entlockt, obwohl er diesen dabei kaum bewegt, wie er die Harmonien unisono pfeift, das wäre alleine schon das Eintrittsgeld wert gewesen. Stücke wie „Filas“ (Zeilen) identifizieren ihn als sprungbereiten, tänzelnden, eleganten Notenpoeten, leichtfüßig wie Muhammed Ali, immer mit mindestens einem Ohr und zwei Augen bei seinem Partner.

Der versteht sich als feinsinniger Skulpteur und Klangmaler in einem, verwendet neben seiner siebensaitigen Gitarre auch traditionelle Instrumente wie Charango, Ronroco und selten zu hörende zehnsaitige und Fretless-Gitarren. Dabei erweitert Quique Sinesi die Funktion des hölzernen Korpus auch in Richtung Perkussions-Werkzeug, unterstützt auf diese Weise selbstlos seinen Freund und erzählt viele kleine, anrührende Geschichten in Noten, wie zum Beispiel in „Candombufer“, das von einem wunderbaren landschaftlichen Geheimtipp in der Nähe von Buenos Aires handelt. Die Kunst der beiden braucht keine Vergleiche mit Tango, Tristesse oder Tralala. Sie entsteht aus überlieferten Volksweisen Argentinien, persönlichen Interessen, die von der Klassik bis zum Rock reichen, und der Fantasie zweier außergewöhnlicher Instrumentalisten – leise und doch für jeden hör- und fühlbar. Es ist Musik wie eine Operation am offenen Herzen, direkt den Kern des menschlichen Wesens berührend, die das völlig begeisterte Publikum heilt, berührt und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Nachhausweg schickt. Wenn nur alle Konzerte eine solch fappierende Tiefenwirkung besitzen würden!