Wir leben zweifelsfrei in einer Zeit, in der die Menschen verlernt haben, sich richtig zuzuhören. Der Grund dafür mag unter anderem auch darin liegen, dass man ständig von irgendetwas abgelenkt wird, was unverzüglich als wichtiger empfunden wird als das Gegenüber. Das ist nicht nur unhöflich, sondern schafft auch Probleme.
Um so bemerkenswerter ist es, wenn zwei Musiker wie der amerikanische Pianist Marc Copland aus Philadelphia, Pennsylvania, und der Kontrabassist Daniel Schläppi aus dem Kanton Bern in der Schweiz, zwei Meister des musikalischen Dialogs, im Birdland Jazzclub in Neuburg ein gut 90-minütiges Zwiegespräch führen, das nur möglich ist, eben weil sie einander zuhören, aufeinander eingehen und reagieren, Empathie zeigen und sich gegenseitig wertschätzen. Und weil ihnen als glänzenden Musikern alle Möglichkeiten offenstehen und sie über enormes Kreativpotential verfügen, wird das Ergebnis dieses Prozesses zum puren Genuss für all jene, die das Glück haben, Ohrenzeugen zu sein.
Copland, der berühmtere der beiden, ist Duo-Spezialist und genießt gerade in dieser Funktion in der Jazz-Szene enormes Ansehen. „Was ich an Daniel besonders schätze, ist seine Wärme, seine Art der Kommunikation und die Art und Weise, wie er mit der Stille umgeht,“ sagt er über Schläppi. Stille, Ruhe und innere Balance sind ihm besonders wichtig, entwickelt er doch zusammen mit seinem Partner daraus die wunderschönen Interpretationen, die den Abend zu einem ganz besonderen Ereignis machen. Behutsam und mit subtiler Verspieltheit tastet er sich mit „The Way You Look Tonight“, das Jerome Kern geschrieben und Frank Sinatra bekannt gemacht hat, in das Konzert hinein, lässt dem Opener das berührende und tief emotionale „Love Letters“ seines ehemaligen Duo-Partners John Abercrombie folgen, verbeugt sich mit „Song For A Friend“ vor dem vor gerade mal einer Woche verstorbenen Ralph Towner und landet schließlich bei Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“ und Ornette Coleman’s „The Pace Of The Bass“. Und hinter „Round She Goes“ aus seiner eigenen Feder steckt die in Töne umgesetzte Redewendung „Round and round she goes, and where she stops nobody knows“, die alle kennen, die sehnsüchtigen aber meist vergeblichen Blicks das Kreiseln einer Roulettekugel verfolgen.
Die innige Verbundenheit der beiden Musiker, die nach und nach auch das Publikum mit einschließt, ist das Wichtigste bei diesem Konzert. Ohne sie wäre die Setlist, die wie fast alles an diesem Abend auf der Improvisation beruht, nichts weiter als eine Ansammlung von ruhigen, zwar mit Eleganz und Können aber irgendwie leblos vorgetragenen Stücken ohne wirkliche Spannung. Das Zusammenwirken der beiden macht sie zum exakten Gegenteil, zu etwas ganz und gar Essentiellem. Nicht umsonst heißen die beiden letzten Veröffentlichungen des Duos „Essentials“ und „More Essentials“. Beide zusammen ergeben eine Ansammlung von Duo-Ereignissen, die Maßstäbe setzt. Dies gilt auch für die Zugabe, das Thema zum an sich eher martialischen Historienschinken „Spartakus“ von 1960 mit Kirk Douglas, das bei Copland und Schläppi zu einem mit echter Hingabe hingehauchten Kleinod wird, das entschieden mehr nachhallt als der Film selbst. Marc Copland und Daniel Schläppi: ein echtes Erlebnis.

