Der norwegische Meistergitarrist Lage Lund war schon mal im Birdland Jazzclub in Neuburg. 2008 und 2013 war das, als Sideman in den Bands anderer. Jetzt ist er als Chef seines eigenen Quartetts vor Ort, zusammen mit dem Kontrabassisten Orlando deFleming, dem Schlagzeuger Jeff Ballard und Pablo Held, der kurzfristig für den erkrankten Danny Grissett am Flügel sitzt. Im Gepäck hat er ausschließlich Eigenkompositionen aus den letzten Jahren, mit denen es aber eine besondere Bewandtnis hat.
Er liebe es zu komponieren, sagt Lund gleich zu Beginn, aber er hasse es, seinen Stücken einen Namen zu geben, weshalb er immer ganz abscheuliche erfinde. „Wenn die Leute hören, dass ich beabsichtige, ein Stück mit dem Titel ,Octoberry‘ zu spielen oder eines, das ,Boogie‘ heißt, dann schrauben sie ihre Erwartungen automatisch zurück.“ Er freue sich aber durchaus, wenn es nachher heißt: „Ach, so grottenschlecht war das ja gar nicht. Ich hatte Schlimmeres erwartet.“ – Die Vokabel „schlecht“ freilich existiert schlicht nicht, wenn man sich mit Lund beschäftigt, auch an diesem Abend nicht, denn die Band geht mit Eleganz und Gefühl zu Werke, Lund zeigt ein ums andere Mal als Solist, woher er seinen exzellenten Ruf hat, kehrt in seinem Spiel sein Innerstes nach außen und leitet seine Combo mit Umsicht und Fürsorge. Pablo Held steuert einige wunderschöne Soli bei und mit dem Gespann deFleming/Ballard scheint Lund seine Idealbesetzung mit nach Neuburg gebracht zu haben.
Die Stücke gehören zwei verschiedenen Kategorien an. Da sind zum einen die wogenden, verspielten, die wie entrückt zu schweben scheinen. Es ist, als müssten sie sich erst aus einem Nebel herausschälen, die Konturen werden erst allmählich sichtbar, treten erst mit der Zeit deutlich hervor. Nicht umsonst heißt eines von ihnen – was diesmal durchaus aussagekräftig ist – „Langsam“. Je mehr es dabei freilich ins Meditative geht, desto mehr Längen werden hörbar. In diesen Phasen schraubt Lund Parameter wie Dynamik oder Tonstärke dermaßen weit herunter, dass man sich trotz all der Schönheit gekonnter Filigranarbeit fast ein wenig nach mehr Elan sehnt. Der stellt sich mit der zweiten Gruppe von Kompositionen ein. Mitte des ersten Sets beginnt deren große Zeit mit dem lebhaft-vertrackten „Jimbo“, das Lund für seinen 2024 verstorbenen Kollegen, den Keyboarder Jim Beard, geschrieben hat, wird fortgesetzt mit dem flotten „Circus Island“ und erreicht seinen Gipfel mit dem melodisch und rhythmisch besonders anspruchsvollen „Cigarettes“, einer trotz des Titels (O-Ton Lund: „I know, it’s terrible. Sorry For That!“) exzellenten Kompositionen.
Lage Lund und sein Quartett bestreiten das siebte von acht Konzerten im Rahmen des Birdland Radio Jazz Festivals und fügen dem in dessen Rahmen gezeigten Querschnitt durch die Vielfalt des aktuellen Jazz wieder eine neue Komponente hinzu. Lund bezeichnet seine Musik als „Zeitgenössische skandinavische Exotik“, andere würden einfach nur „Moderner Gitarren-Jazz in all seinen Facetten“ sagen. Wichtig ist, dass möglichst viele Formen und Spielweisen ein Forum erhalten und ein Publikum finden, wie es während des Radio Festivals in komprimierter Form und im „Alltags-Programm“ des Birdland das restliche Jahr über der Fall ist. Nachzuhören ist das Konzert des Lage Lund Quartets am Freitag, 27. März 2026, ab 23 Uhr auf BR-Klassik.

