Genies sind selten. Jemanden mit dieser Bezeichnung zu belegen, ist durchaus riskant und oft genug auch alles andere als angebracht. Bei Joscho Stephan sei es dennoch gewagt, denn was der als Gitarrist des Gypsy Swing, der seinem Genre längst entwachsen ist, mit seinem Instrument vollführt, verweist sämtliche Kollegen auf die Plätze. Man hat schon etliche großartige Virtuosen in der Nachfolge des legendären Django Reinhardt in der Region gesehen, auch im Audi Forum, aber Stephan stellt sie derzeit alle in den Schatten.
Der Mann ist in der Form seines Lebens, als Gitarrist brillant, als Komponist ebenso. Reinhardt ist für ihn nur noch einer von vielen Einflüssen. Längst hat er sich stilistisch geöffnet, bedient sich so unterschiedlicher Quellen wie Theo Mackeben, der Beatles und Duke Ellington und baut in seine Stücke mal eben – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – Johann Sebastian Bach und George Benson, Carlos Santana und Duane Eddy, Astor Piazolla, Dorado Schmidt und Birelli Lagrène ein. Im Vorbeigehen quasi, weil „Breezin“, „Samba Pa Ti“ und „Peter Gunn“ gerade am Wegesrand herumliegen. Und wenn die Verbindung zum Publikum stimmt wie an diesem Abend, beglückt er jenes auch noch mit humorvollen Geschichten und witzigen Anekdoten, denn ja, ein richtig guter Entertainer ist er auch noch, dieser Joscho Stephan, und dass es am Ende niemand mehr auf den Sitzen hält und das Konzert im Audi Forum, das auf Initiative des Birdland Jazzclubs Neuburg stattfindet, nicht unter zwei Zugaben abgeht, liegt in erster Linie an ihm, seiner Vir-tuosität, auf die man nur mit ungläubigem Staunen und anschließendem Riesenapplaus reagieren kann, aber auch an seiner Art, wie er als Star, der er zweifelsohne ist, auf sein Publikum zugeht.
An diesem Abend hat sich zu seinem Trio mit Volker Kamp am Kontrabass und Sven Jungbeck an der Rhythmus- und Sologitarre der in Paris lebende Rumäne Costel Nițescu gesellt, was die Konstellation „Gitarrengenie trifft Teufelsgeiger“ zur Folge hat. Nițescu steht in der Tradition des großen Stephane Grapelli, der ja selber noch im Birdland Jazzclub in Neuburg aufgetreten ist. Er ist der ideale Partner für Stephan, die Duelle der beiden, die Art, wie sie aufeinander zugehen, rauben einem schier den Atem. Was für eine Dynamik, was für eine Energie, was für spektakuläre Momente, was aber auch für hochgradig emotionale Augenblicke, etwa bei „Just A Little Moment“, einem Blues aus Stephans Feder, bei dem man eigentlich andächtig niederknien müsste.
Bereits vor 20 Jahren schrieb der amerikanische „Guitar Player“, das führende Fachmagazin seiner Art, Stephan „repräsentiere die Zukunft der Gypsy-Jazzgitarre“. Heute ist er, der Autodidakt, mittendrin in dieser Zukunft, spielt mit allen Größen seiner Zunft, lädt sie für die Aufnahmen seiner Alben ein und entlockt ihnen wie auch seinem Publikum immer wieder höchste Anerkennung. Die komplette Tour sei – wie auch das Konzert im Audi Forum – ausverkauft, sagt Stephan, was überhaupt nicht verwunderlich ist. Auf was und wen sollen die Gitarrenfreaks und all die, die sich für Jazz-, Blues- oder auch Rockgitarre interessieren, denn auch sonst noch warten? Es gibt schlichtweg derzeit vermutlich keinen Besseren. Auch wenn’s verwegen klingt: Joscho Stephan im Audi Forum? – Genial!

