Joscho Stephan Trio & Costel Nițescu „Four Of A Kind“ (Audi Forum Ingolstadt) | 13.11.2025

Donaukurier | Karl Leitner
 

Genies sind selten. Je­manden mit dieser Bezeichnung zu bele­gen, ist durchaus riskant und oft genug auch alles andere als angebracht. Bei Joscho Stephan sei es dennoch gewagt, denn was der als Gitarrist des Gypsy Swing, der seinem Genre längst ent­wachsen ist, mit seinem Instrument voll­führt, verweist sämtliche Kollegen auf die Plätze. Man hat schon etliche großar­tige Virtuosen in der Nachfolge des le­gendären Django Reinhardt in der Regi­on gesehen, auch im Audi Forum, aber Stephan stellt sie derzeit alle in den Schatten.

Der Mann ist in der Form seines Le­bens, als Gitarrist brillant, als Komponist ebenso. Reinhardt ist für ihn nur noch ei­ner von vielen Einflüssen. Längst hat er sich stilistisch geöffnet, bedient sich so unterschiedlicher Quellen wie Theo Ma­ckeben, der Beatles und Duke Ellington und baut in seine Stücke mal eben – ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – Johann Sebastian Bach und George Benson, Carlos Santana und Duane Eddy, Astor Piazolla, Dorado Schmidt und Birelli Lagrène ein. Im Vorbeigehen quasi, weil „Breezin“, „Samba Pa Ti“ und „Peter Gunn“ gerade am Wegesrand herumliegen. Und wenn die Verbindung zum Publikum stimmt wie an diesem Abend, beglückt er jenes auch noch mit humorvollen Geschichten und witzigen Anekdoten, denn ja, ein richtig guter En­tertainer ist er auch noch, dieser Joscho Stephan, und dass es am Ende niemand mehr auf den Sitzen hält und das Kon­zert im Audi Forum, das auf Initiative des Birdland Jazzclubs Neuburg stattfin­det, nicht unter zwei Zugaben abgeht, liegt in erster Linie an ihm, seiner Vir-tuosität, auf die man nur mit ungläu­bigem Staunen und anschließendem Rie­senapplaus reagieren kann, aber auch an seiner Art, wie er als Star, der er zwei­felsohne ist, auf sein Publikum zugeht.

An diesem Abend hat sich zu seinem Trio mit Volker Kamp am Kontrabass und Sven Jungbeck an der Rhythmus- und Sologitarre der in Paris lebende Ru­mäne Costel Nițescu gesellt, was die Konstellation „Gitarrengenie trifft Teu­felsgeiger“ zur Folge hat. Nițescu steht in der Tradition des großen Stephane Grapelli, der ja selber noch im Birdland Jazzclub in Neuburg aufgetreten ist. Er ist der ideale Partner für Stephan, die Duelle der beiden, die Art, wie sie auf­einander zugehen, rauben einem schier den Atem. Was für eine Dynamik, was für eine Energie, was für spektakuläre Momente, was aber auch für hochgradig emotionale Augenblicke, etwa bei „Just A Little Moment“, einem Blues aus Ste­phans Feder, bei dem man eigentlich an­dächtig niederknien müsste.

Bereits vor 20 Jahren schrieb der ame­rikanische „Guitar Player“, das führende Fachmagazin seiner Art, Stephan „reprä­sentiere die Zukunft der Gypsy-Jazzgi­tarre“. Heute ist er, der Autodidakt, mit­tendrin in dieser Zukunft, spielt mit allen Größen seiner Zunft, lädt sie für die Auf­nahmen seiner Alben ein und entlockt ih­nen wie auch seinem Publikum immer wieder höchste Anerkennung. Die kom­plette Tour sei – wie auch das Konzert im Audi Forum – ausverkauft, sagt Ste­phan, was überhaupt nicht verwunder­lich ist. Auf was und wen sollen die Gi­tarrenfreaks und all die, die sich für Jazz-, Blues- oder auch Rockgitarre in­teressieren, denn auch sonst noch war­ten? Es gibt schlichtweg derzeit vermut­lich keinen Besseren. Auch wenn’s ver­wegen klingt: Joscho Stephan im Audi Forum? – Genial!