Normalerweise ist der Bandleader musikalisch die prägende Figur, noch dazu wenn es sich dabei um einen der weltbesten Altsaxofonisten wie Jesse Davis handelt. Im Birdland-Keller konnte das Publikum diesmal aber ein seltenes Phänomen genießen. Die drei Mitstreiter von Jesse Davis, am Piano Oliver Kent, am Bass Martin Zenker und der Schlagzeuger Mario Gonzi mussten sich hinter ihrem „Chef“ nicht nur nicht verstecken – sie stellten den US-Heroen Davis des öfteren musikalisch fast in den Schatten.
Sicher, der Virtuose auf dem Saxofon zeigte alle Qualitäten, die ihn berühmt gemacht haben: Kraftvoller Zugriff, Intensität des Ausdrucks, raumfüllende Emotion. In der Dynamik freilich wäre ein wenig mehr Differenzierung kein Schaden gewesen, etwa im Eingangssong „Jeannine“ oder im Titel „In the Window“.
Denn neben Davis waren drei wahre Großmeister ihres jeweiligen Instruments am Werk, nicht nur was die technischen Fertigkeiten angeht. Manchmal wurden die zarten, betörenden Feinheiten, die speziell der Pianist und der grandiose Bassist zum Gesamt-Sound beisteuerten, von der Wucht des Altsaxofons ein wenig überdeckt.
Wie Oliver Kent den Bösendorfer-Flügel geradezu streichelt, wie er kleine, charmante Kommentare zu einem gerade aufblühenden Bass-Solo hinhaucht und wie er im Song „Bright Mississippi“ über die 88 Tasten hinauf und hinunter tanzt – das verschafft ein tiefes Hörvergnügen. Bei Kent ist nichts unangemessen forciert. Der pianisten-typischen Versuchung, auch einmal richtig loszudonnern, widersteht dieser Tastenkünstler.
Wenn man so will, sind da – auch am Kontrabass und am Schlagzeug – musikalische Poeten zu erleben. Hinter den einzelnen Soli scheint eine tiefere Dimension auf. Zenker, Kent und Gonzi erzählen geheimnisvolle Geschichten, die jeder im Publikum hören, fühlen und dann auf seine Weise interpretieren kann. Wann darf man schon einmal so grundverschiedene Trommelwirbel genießen wie in dem Titel „You never know“, vom Donnergrollen bis zum Pianissimo-Raunen. Diese Klangfarbe scheint gar nicht von einem Schlagzeug zu kommen, sie wirkt eher wie ein rasantes Pizzicato auf einem Kontrabass oder Cello.
Der Mann am Kontrabass ist dazu da, dass Takt und Rhythmus stabil bleiben. Gelegentlich ein Solo als Zuckerl, das reicht. Nicht nur mit seinem fulminanten Auftritt in der Eigenkomposition „Polka dotse + Moonbeans“ demonstrierte Martin Zenker, dass es auch um etwas ganz Anderes gehen kann. Das war eigentlich ein Konzert, eine Variation für Bass solo, mit philosophischer Tiefe, mit melodischem Zauber und einer heiteren, frischen Virtuosität. Allein diese paar Minuten waren den Eintritt locker wert.

