■ ■ Peter Bernstein Quartet | 26.09.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es gibt Momente, in de­nen Unbekanntes vertraut wirkt. In der Musik des amerikanischen Gitarristen Peter Bernstein, der mit seinem Quartett, an dem Sullivan Fortner am Klavier, Doug Weiss am Kontrabass und Schlag­zeuger Kush Abadey beteiligt sind, im Neuburger Birldnad Jazzclub zu Gast ist, ist das der Fall. „Das kenn ich doch!“ mag sich manch einer im ausverkauften Club an diesem Abend fragen, um dann, als Bernstein den Titel verrät, verblüfft festzustellen, dass einem Stücke wie „Tears Autumn“, „Harbor No Illusion“ und der „Hadish’s Blues“ doch völlig fremd sind, weil seine Eigenkompositio­nen nun mal keine Klassiker im üblichen Sinne sind. Woran aber liegt es dann? Vielleicht daran, dass die Band, die ge­nau an der Schnittstelle zwischen Tradi­tion und Moderne operiert, auf einen läs­sigen, straight-ahead gespielten Swing setzt, bei dem die Themen der Stücke zum Fundament einer eloquent phrasier­ten, einfallsreichen Improvisationskunst werden. Und zusätzlich auch daran, dass das Zusammenspiel der Rhythmusgrup­pe auch deshalb so harmonisch und tight sei, um, wie man nachlesen kann „den kristallinen Sound des Leaders an der Jazzgitarre zum Strahlen zu bringen und seine Single-Note-Linien adäquat zu grundieren.“

Dass Standards wie „Stablemates“ nach Art von Benny Golson, das völlig umge­krempelte „Love For Sale“ oder Fred Coot’s „You Go To My Head“ durch Bernstein’s Bearbeitungen, den Umgang seiner über jeden Zweifel erhabenen Band mit den Möglichkeiten der Dyna­mik, der Interaktion, der Lautstärke und der Tempi erneut zu Meisterwerken des Jazz – nur eben in runderneuerter Form – werden würden, war vorherzusehen, denn Bernstein hat im Birdland – ob als Partner des Organisten Larry Goldings oder wie diesmal als Chef seiner eigenen Band – eigentlich immer nicht nur über­zeugt, sondern regelrecht begeistert. Und so ist es auch diesmal. Der umtriebige Doug Weiss, der neue Piano-Star Sulli­van Fortner, der vor noch gar nicht allzu langer Zeit eines der besten Piano-Solo­konzerte hingelegt hat, das das Birdland je erlebt hat, und dann natürlich Kush Abadey, auf dessen Dienste auch Ravi Coltrane, Chris Potter, Jeremy Pelt, and Tomasz Stanko gerne zurückgreifen und dessen Liebe zu höchst verzwickten Rhythmen offensichtlich ist, machen den Abend schließlich vollständig zu einem spannenden Erlebnis. Und das trotz all der bekannten Elemente, die von Bern­steins Traditionsbewusstsein her rühren, von der gewachsenen Basis, auf der er seine Musik entwickelt.

Der Auftritt im Birdland ist der sieb­zehnte von insgesamt achtzehn einer Tour durch die wichtigsten Jazzclubs Eu­ropas. Nach Gigs in Amsterdam, Mai­land, London und Berlin geht’s von Neu­burg aus noch nach Wien und dann nach Hause nach New York. Die Aussicht auf ein paar Tage Erholung daheim mag ein Grund sein für die gelöste Stimmung in der Band, die zahlreichen gemeinsamen Abende auf der Bühne innerhalb kurzer Zeit sind ganz sicher einer für das blinde Verständnis der Musiker untereinander, das zu diesen entspannten, wie selbst­verständlich laufenden Grooves führt, aus vier Top-Musikern eine Band im wahrsten Sinne macht, bei der alle Räder perfekt ineinander greifen und die läuft wie ein gut geschmierter Hochleistungs­motor. Das Peter Bernstein Quartet: Höchstes Niveau wegen absoluter Prä­senz bei gleichzeitig enormem Schwie­rigkeitsgrad.