Irgendwann im Laufe des Abends kommt einem ein Gedanke: Wo stünde der Birdland-Jazzclub heute wohl ohne Larry Porter? Hätte er eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben können, wenn der inzwischen 74-jährige US-Pianist 1991 nicht in Wien den sagenumwobenen Bösendorfer-Flügel für Neuburg ausgesucht hätte? Womöglich wäre dann ein anderer Klimperkasten in die Katakomben der Hofapotheke transportiert worden, der bei weitem nicht derart klingende Namen wie Monty Alexander, Michael Wollny, Diana Krall, Mal Waldron, Kenny Barron oder Fred Hersch in die Altstadt gelockt hätte. Denn am guten Klavier erkennt man immer die wahre Klasse eines Jazzclubs. Insofern hat Porter dem Birdland damals vor 35 Jahren einen unschätzbaren Dienst erwiesen, der ihm zeitlebens einen Ausnahmestatus im Keller garantiert.
Nach Jahren der Abstinenz kommt der Amerikaner nun endlich wieder zurück, was vor allem daran liegt, dass er seinen Wohnsitz mittlerweile nach Deutschland, respektive nach Berlin verlegt hat. Nach 2024 ist es bereits das zweite Mal, diesmal mit seinem „Reunion Trio“, dem der Bassist Scott White und der Schlagzeuger Heinrich Köbberling angehören und das er vor genau zwei Jahrzehnten in der Hauptstadt ins Leben rief, um seinem großen Idol Thelonious Monk zu huldigen. Gerade weil Larry Porter diese prickelnde monkische Spielhaltung in der Vergangenheit komplett verinnerlicht und verfeinert hat, ist das Birdland an diesem Abend wieder bis auf den letzten Platz ausverkauft. Schließlich weiß das mit allen Wassern gewaschene Neuburger Publikum, was es von „ihrem“ Larry auch 2026 erwarten kann: eine hochklassige Performance, bei der sich Virtuosität, (Selbst-)Ironie, Poesie, Nachdenkliches und Überraschungen über zwei Stunden lang die Hand geben.
An sich verheißen Pianotrio allenfalls begrenzt Abwechslungsreichtum, doch bei Porter, White und Köbberling ist das auf erfrischende Weise anders. Ihre Performance wirkt wie eine Reise durch die Jazzgeschichte, ohne dabei der Gefahr populistischer Verlockungen zu erliegen. Selbst wenn sie einen Swing-Klassiker wie „Gee Baby, Ainʼt I Good To You“ von 1929 kredenzen, dann verschleppen sie keck die Tempi, klopfen die Harmoniestrukturen nach allen Richtungen ab und lassen dort Pausen, wo das Original allerschnellsten Galopp verlangen würde. Eine Samba, die den kruden Titel „Coffeeʼs Ready“ trägt federt natürlich dank der schaufelnden Besenarbeit von Heinrich Köbberling und zwingt einen förmlich zum Fußwippen, ob man will oder nicht. Aber des Pianisten Werk möchte bewusst keine Komfortzone generieren. Selbst in diesen beschwingten Rhythmus streut er Polyrhythmen und Synkopen ein – so als hätte sich Monk an die Copacabana verirrt.
Nat King Coles „Rosetta“ ist eine Nummer, die trotz der Fülle an Noten, die vom Klavier erklingen, bewusst immer wieder in ihre Fragmente aufgeteilt wird, wobei das Ausrufezeichen mit einem elektrisierenden Solo hier vom bienenfleißigen Bassisten Scott White kommt. Erst in L.O.V.E aus der Feder des Deutschen Bert Kaempfert wechselt das Dreigestirn in einen lupenreinen Swingmodus. Köbberling fächert die Viertel auf die Snare, White zupft einen klassischen Walking-Bass, während Porter zeigt, dass in seinem Portfolio zur Not auch die Karte „Oscar Peterson“ ziehen kann.
Und weil die chamäleongleiche Wandelbarkeit des amerikanischen Berliners schlicht atemberaubende Züge besitzt, präsentiert er als Zugabe auch noch „Little Susie“, einen Blues von Piano-Legende Ray Bryant, der in den von Larry Porter ausgesuchten Bösendorfer ebenfalls schon seine Finger legen durfte. In jeder Hinsicht ein Instrument, das absolute Weltklasse anzieht – immer noch.

