Spätestens nach dem letzten regulären Stück des Abends, weiß es wirklich jeder: Dieser Saxofonist hat seinen Coltrane in- und auswendig gelernt, alle dessen Eigenheiten wie die typischen „Sheets of Sounds“, diese extrem dichte, schnelle Improvisationsweise mit vielen Tonfolgen hintereinander, die ungewöhnlich schnellen Akkordwechsel oder den expressiven, intensiven, lavagleichen Ton. Und er kann partout nicht mehr davon lassen. Der Schweizer Daniel Guggenheim entstammt einer Generation, in der „Tranes“ Spiel als das Maß aller Dinge galt. Wer es erlernen wollte, der musste es schon verinnerlichen, sodass es einen ein Leben lang nicht mehr losließ.
Heute ist Guggenheim 72 und die Jazz-Universitäten lehren längst andere, modernere, minimalistischere, groove-orientiertere Stile. Aber Coltranes Geist schwebt immer noch deutlich über allem – und über ihm. Der Birdland-Jazzclub, in dem der freundliche Tenor- und Sopransaxofonist nach 2014 zum zweiten Mal gastiert, hat zwar schon vielen glühenden Jüngern des Säulenheiligen aus North Carolina eine Bühne geboten, aber keiner hat sein Herz so sehr an ihn verloren, wie Guggenheim. Wobei es ihm immerhin gelang, seine Leidenschaft im Laufe der Jahre zu variieren. Inzwischen bezieht sich sein Spiel mehr auf die europäische Jazztraditionen, als im afroamerikanischen Wurzelwerk zu wildern. Und, ganz wichtig: Daniel Guggenheim agiert strukturierter, zugänglicher als sein Vorbild. Genau für solch feine Nuancen hat er ein erlesenes Trio mit dem Pianisten Sebastian Sternal, dem Bassisten Dietmar Fuhr und dem Schlagzeuger Silvio Morger an seiner Seite mitgebracht, das den vollbesetzten Hofapothekenkeller immer wieder zu spontanen Beifallsbekundungen bewegt.
Und dann ist da noch diese unverkennbar bluesige Note, die jedem Titel Guggenheims eine besondere musikalische Atmosphäre verleiht. Bei „Mystery In Casablanca“ zum Beispiel, das mit einem geheimnisvollen Bass-Intro von Fuhr eröffnet, dem Morger ein beschwörendes Trommel-Grollen untermischt, eine Grundlage, die den Boss – diesmal am Sopransaxofon – wie einen Schlangenbeschwörer klingen lässt. Erst Sternal bringt die orientalische Form mit federnden Läufen wieder auf Jazzkurs. Guggenheims durchaus vorhandene Eigenständigkeit kommt eher bei einer unscheinbaren Ballade wie „For Ute“ zum Vorschein, in der er lang gezogene Melodiebögen auffächert, die zwar nicht durch maximale technische Brillanz, aber dafür überbordende Emotionalität auffallen. Auch ein Stück, dass die Combo als Weltpremiere ankündigt und demzufolge noch keinen offiziellen Titel hat („Nennen wir es mal C-Dur“), weißt dem Schweizer eine gangbare, weil originelle Richtung.
Spätestens bei „Between Earth And Sky“ jedoch brechen alle Dämme. Ein fast sakraler Beginn mündet in ein lässig swingendes Thema, bevor plötzlich die Harmonien von „My Favorite Things“, einem Coltrane-Klassiker im walzerartigen Dreivierteltakt, auftauchen. Jetzt schwenkt auch die zuvor hochinnovative Band auf das altbekannte Muster über, Sebastian Sternal stanzt Power-Blockakkorde wie weiland McCoy Tyner in die Klaviatur, Silvio Morger lässt seine Sticks im Stile von Elvin Jones wie eine Armee über das Drumset marschieren und Dietmar Fuhr verlieht dem explosiven Retro-Mix am Kontrabass ein ebenso schweres wie stabiles Rhythmusgerüst. Dass Daniel Guggenheim nach etwa acht Minuten walzernder Trance eines der vielleicht besten Tenorsaxofonsoli der jüngeren Vergangenheit in die flirrende Luft des Hofapothekenkellers schickt, war zwar irgendwie vorhersehbar, ist aber auf eine gewisse Weise dann doch wieder faszinierend. Als wäre er tatsächlich die Schweizer Reinkarnation von Coltrane.

