Sie lernten sich vor ein paar Jahren in New York kennen und schätzen, gründeten dort ein Quartett, das sich mit Modern Jazz beschäftigt, und blieben – auch wenn sie mittlerweile in verschiedenen Ecken der Welt leben – in Kontakt. Aktuell sind sie gemeinsam auf einer Tour unterwegs, was viel zu selten vorkommt, wie Schlagzeugerin Mareike Wiening betont, „weil das jedes Mal eine terminliche und logistische Herausforderung ist“. Im bis auf den letzten Platz besetzten Neuburger Birdland Jazzclub wird das Publikum Ohrenzeuge bei ihrem „Mädelsabend“ der ganz anderen Art.
Kontrabassistin Kaisa Mäensivu ist aus Helsinki angereist, Wiening aus Wien, die Altsaxofonistin Nicole McGabe und die Vibrafonistin Sasha Berliner aus Los Angeles. Vier international renommierte und mit Preisen dekorierte Künstlerinnen, vereint in einem Kollektiv, das streng nach demokratischen Regeln funktioniert. Jede steuert eigene Kompositionen bei und sagt sie auch selber an, jede bringt sich solistisch ein, es gibt keinen Leader, niemand drängelt sich vor, niemand steht im Rampenlicht. Oder, besser gesagt, sie stehen alle gemeinsam dort und entwerfen zusammen einen eigenständigen Sound für all die Stücke, die sie mit ihren eigenen Bands, nicht aber in dieser Besetzung veröffentlicht haben. Der wird bestimmt von einer vom Bass und dem Vibrafon erzeugten weichen, samtenen Eleganz, von einem harmonischen Bett, auf dem man es sich als Zuhörer bequem machen kann, vorangetrieben durch elastisches Drumming, koloriert durch die Pirouetten des Saxofons.
Manchmal geht’s funky zur Sache, wenn die Band sich etwa Thelonious Monk’s „Wee See“ vorknöpft, oder auch bei Mäensivu’s „The Lemur“, während bei McGabe’s „A Song To Sing“ weit ausgreifende Harmonien die Szenerie bestimmen und das energetisch hochprozentige, spannungsgeladene „Misconception“ aus Wiening’s Feder wiederum eine ganz andere Sprache sprechen. Und dann sind da ja auch noch die Balladen, in denen das Vibrafon flirrend das glitzernde Sonnenlicht auf der glatten Oberfläche eines Sees reflektiert. Die handverlesenen Adaptionen werden eingepasst in dieses große akustische Gemälde, in dieses schwebende und gleichzeitig fließende Umfeld, was etwa zu der wunderschönen, von Berliner arrangierten Version von Billy Strayhorn’s „U.M.M.G.“ (Upper Manhattan Medical Group) führt oder in der Zugabe zu dem in diesem Kontext völlig unerwarteten „Jitterbug Blues“ aus dem Jahr 1947 und damit zu Muddy Waters, den die Band mit diesmal McGabe als treibender Kraft auf geradezu hinreißende Art neu belebt.
Eine Band, die keinen eigenen Namen trägt, nie einen eigenen Tonträger aufgenommen hat, deren Repertoire aus Stücken besteht, die ihre Mitglieder eigentlich gar nicht für diese Gruppe geschrieben haben, eine Band, die sich viel zu selten trifft. Und doch ist sie eine verschworene Einheit, wie man im Birdland hören und sehen kann, mit einem Konzept aus Komposition und Improvisation, das trotz der viel zu seltenen Meetings dennoch so trefflich funktioniert, mit künstlerischer Interaktion auf einer gemeinsamen Basis, mit einer ganz eigenen Art Musik, die Spuren hinterlässt. An diesem Abend in Neuburg ganz sicher und vermutlich auch auf den anderen Stationen ihrer Tour, auf der das Quartett derzeit zwischen Spanien und Finnland unterwegs ist.

