Ein Streichquintett oder eine Rockband hätte das Konzert wohl abgesagt, die für das Birdland in Neuburg unter dem Namen „Peter Protschka & Adrian Mears“ gebuchte Band tut das nicht, obwohl mit dem australischen Posaunisten Adrian Mears, der wegen des Iran-Kriegs in Abu Dhabi nicht zwischenlanden konnte, weswegen sein Flug abgesagt wurde, und mit dem Pianisten Oliver Kent zwei tragende Säulen ausfallen. Für Jazzer freilich ist das Canceln eines Gigs aus derartigen Gründen im Normalfall keine Option. Man fragt herum, wer einspringen könnte, kümmert sich um Notenblätter, steht abends pünktlich auf der Bühne und legt los. Jazzer können das. Improvisation gehört in ihrem Metier nun mal mit dazu.
Neben Protschka (Trompete und Flügelhorn), Mario Gonzi am Schlagzeug und Martin Gjakonowski am Kontrabass sind folglich ausnahmsweise die Pianistin und Komponistin Anke Helfrich, die ansonsten ein eigenes Trio unterhält, und der erst 25-jährige Moritz Renner an der Posaune mit von der Partie, die beide gerade mal 48 Stunden Zeit hatten, sich auf die Notsituation einzustellen. Aber zur allgemeinen Überraschung merkt man überhaupt nichts vom Umbau des Bandgefüges und wüsste man es nicht besser, käme man gar nicht auf die Idee, dass hier nicht die Stammbesetzung am Werk ist. Moritz Renner packt die Chance, die sich ihm so unerwartet bietet, beim Schopf, fügt sich nahtlos ein in den Bläsersatz und legt ein paar derart gelungene Soli hin, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Nach dem Konzert wird er von seinen Kollegen ausgiebigst beglückwünscht und Renner strahlt übers ganze Gesicht. Wozu er auch allen Grund hat nach dieser vollbrachten Großtat.
Anke Helfrich hat mit dem der Malerin Frida Kahlo gewidmeten „La Oscura“, mit „Upper Westside“ und dem Abschluss-Blues „You’ll See“ der Setlist eigene Kompositionen beigefügt und passt stilistisch hervorragend in das von elastisch groovendem Mainstream geprägte Konzept, das an diesem Abend auch ohne die beiden etatmäßigen Stammkräfte so außerordentlich gut funktioniert. Bei Protschka’s „Black Forrest“, seinem farbenreichen „Atlantic City“, dem hinreißenden Thema von „Transition“, dem seiner Tochter gewidmeten „Mina“, ja, bereits beim Opener „Beatrice“ aus der Feder von Sam Rivers wird überdeutlich, dass die Bezeichnung „Ersatzleute“ für Helfrich und Renner absolut fehl am Platz wäre wie auch der Name „Notprogramm“ für das, was auf der überaus anspruchsvoll bestückten Setlist steht.
Und als die neu formierte und hiermit in „Peter Protschka Quintett“ umbenannte Combo, von der man sich in der Tat wünschen würde, dass aus ihr eine neue „feste“ Band werden möge, in der Zugabe Mort Schumann’s „Old Folks“ intoniert, ist die Jazzwelt im Birdland längst wieder in Ordnung, was man auch daran ermessen kann, dass das begeisterte Publikum unbedingt noch ein weiteres Stück hören möchte. Doch dazu kommt es nicht mehr, was in diesem Fall auch verständlich ist wegen der kurzen Vorlaufzeit. Und aus Verlegenheit noch irgendeinen Gassenhauer zu bringen, würde auch gar nicht zu dieser Band und ihrem Anspruch passen. Aus der Not eine Tugend, eine aus Pech resultierende Situation zu einem Glücksfall machen, mit vereinten Kräften Großes zustande bringen. – Diese Band zeigt an diesem Abend, dass das durchaus möglich ist. Alle Achtung! Chapeau!

