War sie vor gut einem Jahr noch deutlich pessimistischer gestimmt angesichts der Entwicḱlungen in der Welt, sorgte die US-amerikanische Ausnahmepianistin Lynne Arriale nun im Birdland Jazzclub für eine Atmosphäre von Hoffnung, Wärme, Menschlichkeit und Ermutigung, eher leise zwar, aber umso eindringlicher.
Der Kommentar zur Zeitgeschichte steht von Beginn an auch über dem diesjährigen Konzert. Den Opener »Courage« widmet Lynne Arriale dem Volk der Ukraine, auch das nachfolgende »Couriosity« atmet bewegte Nachdenklichkeit. Mit »Dance Of The Rain« bewegt sich das Konzert ein Stück mehr zur Innerlichkeit, das grandiose Bassintro von Alon Near lässt die Regentropfen mit tänzerischer Leichtigkeit in den Herbst fallen, der Song entwickelt sich zum bewegten Bild eines schier zeitenthobenen Sonntagnachmittags am verhangenen Regenfenster beim Blick ins herbstliche Bunt: Eine jener tyischen Arriale-Kompositionen, die so viele Bilder wecken, so viele Gefühle, die das Herz bewegen, Musik, getragen von Entschleunigung und Sehnsucht, aber auch leiser Seligkeit und sanfter Erfüllung gar.
Eine wahre Hymne widmet die Pisnistin der »größten Kraft der Welt«, die uns trägt und voranbringt, »Love«, erhaben wie ein Choral, mit aller Offenheit zu jener höheren Macht, der wir uns verdanken, auch wenn wir uns zuweilen »slightly off-center« bewegen und allen »Secrets« zum Trotz.
Mit Alon Near, dem ungemein feinfühligen Bassisten, dessen sonorer, voluminöser, zugleich überaus präziser Ton das Klangbild ganz wesentlich mitprägt und die feine Anschlagskultur der Pianistin glänzend unterfüttert, und dem hellwach melodiebewussten, mal orchestral, mal zart streichelnd aufspielenden Drummer Lukasz Zyta bildet Lynne Arriale ein geradezu magisches Dreieck musikalischer Sensibilität.
Etliche Granden der Art of Piano stehen Pate bei diesem wunderbaren Konzert, das Erbe u.a. von Bill Evans, Keith Jarrett, Thelonious Monk, Bud Powel und vor allem des südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim amalgamiert in Lynne Arriales pianistischer Persönlichkeit zu einem charakterstarken Individualstil von hohem Wiedererkennungswert, resolut und grazil zugleich, mal in orchestralen Akkorden und sensitiven Melodien, mal auch in blitzgeschwinden Läufen, klaren Kontrasten, Kurven und Kanten, immer durchatmet von Sensibilität und Identifikation, nie aneinandergereiht oder ausgestellt, immer in organischer Hingabe zur reinen Kraft der Musik.
»Wider As The Sky«: Eine Feier der Vielfalt des Lebens und der Verbindung der Menschen untereinander in den ungeahnten Dimensionen der Wirklichkeit! Zwei Zugaben am Ende eines gefeierten Konzerts: Paul McCartneys »Let It Be« und Abdullah Ibrahims »Mountain Of The Night«, eindringliche Hymnen der Gelassenheit, der Hoffnung, des Vertrauens.

