Im Jahre 2008 kam der schwedische Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall nahe Stockholm ums Leben. Er hatte das Format des Piano Trios im Jazz auf ein ganz neues Level gehoben, ihm quasi neues Leben eingehaucht. Manche sagen, er habe es neu erfunden. Der Sound seines Esbjörn Svensson Trios, des E.S.T., war unverkennbar, und weil er viele Einflüsse zuließ und damit auch noch riesigen Erfolg hatte, war er vielleicht sogar so etwas wie ein Popstar des Jazz.
Mit seinem Tod tat sich eine riesige Lücke auf. Wer sollte dort weitermachen, wo er hatte aufhören müssen? Wer würde sein Erbe nicht nur verwalten, sondern womöglich sogar noch weiter entwickeln? Konnte man diese Lücke füllen, ohne damit zum Lückenbüßer zu werden? – Sein Landsmann Daniel Karlsson versucht es. Und es gelingt ihm auch. Auf sehr beeindruckende und vor allem elegante Weise sogar, was er auf diversen Alben und an diesem Abend beim Konzert im Neuburger Birdland Jazzclub beweist. Zusammen mit dem Kontrabassisten Christian Spering und dem Schlagzeuger Fredrik Rundqvist, der bereits vor gut einem Jahr mit der Posaunistin Karin Hammar in Neuburg gastierte, bietet er einen Querschnitt an durch alte Kompositionen, aktuelle Stücke und solche, die noch nicht einmal veröffentlicht sind. Damit wagt er einen Streifzug durch den Grenzbereich zwischen Modern und Mainstream, holt sich Anregungen bei Fusion und Pop, lotst sein Trio in kammermusikalische oder auch orchestrale Bereiche, spielt behutsam mit Effektgeräten, bewegt sich mei-sterhaft im Klangkosmos des Nordens, lässt seine Sounds über den Wassern schweben oder sich an Felswänden brechen.
In „Sorry Boss“ etwa, dem Titelstück seines aktuellen Albums, entwickelt sich aus der Basis eines sich wiederholenden Motivs heraus ein unwiderstehlicher Groove, der mit Harmonien unterlegt wird, die einen als Zuhörer regelrecht umarmen. Zusammen mit den vielgestaltigen Melodien ergibt sich daraus eine verführerische Schönheit, die trunken macht und die man am besten würdigt, in dem man sich ihr ganz einfach ausliefert, widerstandslos ergibt. Natürlich geht es nicht ohne Soli. Die aber kommen weniger in geregelter Abfolge, – obwohl eine solche natürlich vorab festgelegt wurde – sondern scheinen behutsam herauszuwachsen aus dem Humus, den die Band ausgebreitet hat und mit immer wieder neuen, überraschenden Ideen düngt.
Der weite Horizont einer Nummer wie „Lydiam Concept“, der Drive hinter „Correspondance“ kurz vor der Pause, das allmähliche Vortasten hinein in eine Komposition namens „Lilly“, innerhalb derer es dann durchaus handfest zur Sache geht, die sich am Ende aber akustisch davonzuschleichen scheint – das sind Bausteine zu einem schillernden, vielgestaltigen Konzert, das, nüchtern betrachtet, nach wie vor „nur“ von einem Pianotrio gestaltet wird. Aber eben von einem, das zwar bisweilen noch das Vokabular des E.S.T. benutzt, aber längst auch sein eigenes. Und wenn ihm mal tatsächlich die passenden Wort fehlen sollten, dann erfindet es einfach neue. Wie etwa bei dem rasanten „Gud Gess“, oder dem nach vorne drängenden „Clock Out“, bei denen vor allem Karlsson selbst alle Register zieht. Das E.S.T. bleibt unvergessen, aber das D.K.T. nach diesem herausragenden Konzert im Birdland sicherlich auch.

