Presse

Cécile Verny Quartett | 09.01.2026
Donaukurier | Karl Leitner
 

Das Quartett um die aus der Elfenbeinküste stammende und in Freiburg im Breisgau lebende Sängerin Cécile Verny eröffnet seit nunmehr 19 Jahren regelmäßig im Januar die Konzertsaison im Birdland Jazzclub in Neuburg, seit den letzten 15 Jahren jeweils mit Konzerten an zwei aufeinander folgenden Abenden. Und weil das, was sich seit Jahren bewährt, von sich reden macht, geschieht das auch regelmäßig vor ausverkauftem Haus.

Auch die Auftritte des Jahres 2026 reihen sich nahtlos ein in diese unvergleichliche Serie mit ihrer Mischung aus Jazz, Pop, Chanson und Soul, vorgetragen von einer Sängerin, deren ausdrucksstarke, voluminöse und wandelbare Stimme immer wieder erneut für Aufsehen sorgt, und von einer Band, die seit Jahren mit absoluter Präzision läuft wie ein Schwarzwälder Uhrwerk und die kompositorischen Vorgaben der in ihr versammelten Komponisten auf geradezu makellose Weise umsetzt. Das sind neben Verny selbst Andreas Erchinger (Klavier, Keyboards, Synthesizer), Lars Bender (Schlagzeug, Perkussion) und Bernd Heitzler (E-Bass, Kontrabass).

Man mag freilich einwenden, von dem Quartett, das da auch an diesem ersten Abend – denn von ihm ist hier die Rede – wieder mal ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer zaubert und einmal mehr beweist, wie gut Jazz ist, wenn er auch Pop ist, und wie reif Pop klingen kann, wenn er aus dem Jazz kommt, im Grunde genommen seit dem 17. April 2019 nichts Neues mehr gehört hat. Damals kam das immer noch neueste Album „Of Moons And Dreams“ auf den Markt und aus ihm sowie aus „Fear And Faith“ von 2013 stammen immer noch fast alle Songs des Programms. Lediglich das fast wie versehentlich als Zugabe in die Setlist gerutschte „Grateful“ weist den Weg in die Zukunft.

Andererseits spiegelt dieser Einwand nur die halbe Wahrheit wider. Songs wie „Krakatoa Moon“, „My Steps Their Beat“ oder „The Wild Heart Of The Earth verlieren ja nicht an Qualität, nur weil man sie schon des Öfteren gehört hat. „No I.D.“ und „As Soon As They Have All Aligned“ bleiben auch beim x-ten Male echte Kracher und überdies wurden sie ja auch noch in eine alternative Verpackung gesteckt. Noch nie präsentierte die Band ihren Best Of-Mix aus oftmals erprobtem und bewährten Material so spannend wie in diesem Jahr. Die Songs durchliefen im Vorfeld anscheinend einen Umarbeitungsprozess, der neue Arrangements ebenso enthält wie die behutsame Neuausstattung bekannter Strukturen mit akribischen ausgewählten Sounds und vergleichsweise zahlreichen Soli. Die Band als Ganzes rückt in diesem Jahr eindeutig in den Mittelpunkt, Instrumentalteile bekommen verstärkt Gewicht, die Längen der einzelnen Songs nehmen zu, die der Balladen erwartungsgemäß weniger, dafür die der Up- und Midtempo-Nummern um so deutlicher.

„Aus Alt mach Neu“. Diese alte Floskel trifft ziemlich genau, um was es der Band derzeit anscheinend geht. Man bereitet ein neues Album vor, ist aber noch in der Planungsphase und noch nicht so weit, dessen neuen Songs öffentlich zu präsentieren. Was für ein Glück, wenn man in dieser Zeit des Übergangs über eine ganze Reihe von Bandklassikern verfügt, die auch und gerade in ihren Neubearbeitungen einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen.


Joe Bawelino – Gige Brunner | 19.12.2025
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

„Wir sind eine Tanzkapelle!“ Klingt grundsätzlich schon mal interessant, auch wenn so ein Satz auf der heiligen Bühne des Birdland-Clubs fällt, wo dessen Chef Manfred Rehm wegen solch populistischer Ausritte mahnend die Stirn runzelt. Und dann noch die Besetzung mit lediglich zwei Gitarren. Doch Joe Bawelino und Gige Brunner haben in der Tat jede Menge schwungvoller Rhythmen im Gepäck: Slowfox, Samba, Walzer. Und sie schicken sich an, eine lieb gewordene Tradition mit neuem Leben zu erfüllen. Denn das regelmäßige Weihnachtskonzert zweier Saitenhelden, auf das sich nicht nur Stammgäste immer wieder freuten, seit der Club 1991 im Hofapothekenkeller eine neue Heimstatt fand, schien nach dem Tod von Helmut Nieberle 2020 und der Erkrankung von Helmut Kagerer schlagartig beendet. Nun aber besteht Hoffnung auf einen Neustart, womöglich gar mit Langzeiteffekt – dank Bawelino und Brunner.

Dabei könnten die beiden Gitarreros unterschiedlicher kaum sein, nicht unbedingt optisch, sondern eher was den Spielstil anbelangt. Jeder nähert sich auf seine Weise den Themen, wobei das ungleiche Duo dabei immer wieder erstaunlicherweise einen gemeinsamen Nenner findet. Während der 62-jährige Gige alias Gerhard – im Hauptberuf Comiczeichner – dem im Folk gebräuchlichen Finger-Styling frönt und mit frappanter Gelenkigkeit kernig durch den Dschungel der wild wuchernden Harmonien galoppiert, versteht sich „Big Papa“ Joe mit seinen 79 Jahren als ein feiner Dekorateur eines großen Ballsaals, der die Tradition des Sinti-Gitarren-Übervaters Django Reinhardt fortführt, aber auch die großen Amerikaner Joe Pass, Wes Montogomery und George Benson mit jeder Faser aufgesogen hat. Bei solch konträrer Mixturen knirscht es normalerweise an allen Ecken und Enden. Doch Bawelino und Brunner kennen einander nun schon viele Jahre und wissen, dass sie vor allem als Duo glänzen können, wenn sie sich auf die Linien des jeweiligen Gegenübers einlassen, anstatt gegen sie anzuspielen.

Nur in ganz wenigen Fällen, wenn vor allem Brunner im Überschwang des Höllentempos die Gäule durchgehen, wird es ein wenig verhuscht und unsauber. Aber den Affenzahn schätzen beide offenbar sehr, wobei sie bei einigen Themen wie Fats Wallers „Honeysuckle Rose“ sogar problemlos über die Runden kommen, ohne dabei in eine Radarfalle zu tappen. Der Rest gleicht einer vorweihnachtlichen Wohlfühl-Musicbox für Erwachsene. Viele Themen besitzen einen hohen Wiedererkennungswert wie „Caravan“, „Samba De Orfeo“, das untrennbar mit den Beatles verknüpfte „Till There Was You“, „Whispering“ oder „Bye Bye Blackbird“. Die Kolorierung obliegt ganz klar Bawelino, der jeden Ton wie im wehmütigen „Nuages“ wägt und prüft, bevor er ihn erklingen lässt, oder lieber Schleifen und Linien knüpft, als effekthascherisch zu gniedeln. Vor allem in „Me Hum Mato“, einer Komposition der Sinti-Legende Schucknack Reinhardt, zeigt er sich von seiner intensivsten Seite. Bei „Big Papa“ klingt sogar dieses Stück, dessen Übersetzung aus der Sinti-Sprache so viel wie „Ich bin besoffen“ bedeutet, wie ein erhabener, melancholischer Sehnsuchtsmoment.

Wie üblich beim „B-Duo“ gibt es gleich drei Zugaben, eine davon ist der legendäre „Schorschi“, nämlich „Sweet Georgia Brown“. Wenn die beiden Freunde durch ihr Repertoire schlendern, wird mit einem Mal ihr Geheimcode in der Harmoniebegleitung sicht- und hörbar: die tiefe, fette, gemeinsam angeschlagene E-Saite. Damit lässt sich selbst bei kritischen Zuhörern ein Lächeln über die Zwei-Mann-Tanzkapelle auf die Lippen zaubern.


Joe Bawelino – Gige Brunner | 19.12.2025
Donaukurier | Karl Leitner
 

Dieser Konzerttermin im Birdland Jazzclub kurz vor Weih­nachten ist ein ganz besonderer. Seit man sich erinnern kann, ist er Gitarrenduos vorbehalten. Viele Jahre waren Helmut Nieberle und Helmut Kagerer im Gewöl­be unter der ehemaligen Hofapotheke zu Gast, bevor die Aufgabe, das Publikum des Clubs auf das Fest einzustimmen, dann kurzzeitig dem Duo mit Martin Müller und Alex Kroll und dem mit Paul Brändle und Andreas Dombert zufiel.

In diesem Jahr unterhalten Joe Baweli­no und Gige Brunner die Gäste mit einer ganzen Reihe von Standards und Klassi­kern des Jazz, von denen man die meis­ten begrüßt wie alte Freunde. „How High The Moon“, „There Will Be An­other You“, „Oh Lady Be Good“, „Mid­night In Vermont“ – man kennt sie, wenn nicht dem Namen nach, dann zumindest vom Hören, vielleicht nicht in Versionen, die auf die Bedürfnisse und Möglichkei­ten zweier Gitarren zugeschnitten sind, aber doch so gut, dass sie einem eigent­lich nichts wesentlich Neues mehr bie­ten. Und obwohl man sich eigentlich längst satt gehört haben müsste, tun sie doch gut so kurz vor dem Fest, wenn Traditionelles wieder an Bedeutung ge­winnt, die Lust auf ständig Neues zumin­dest kurzfristig etwas nachlässt, im Ide­alfall die Hektik abnimmt und man all­mählich zur Ruhe kommt.

Diese Situation nutzen Bawelino und Brunner aus, und zwar auf ebenso pro­fessionelle, charmante, humorvolle wie familiäre Weise. „Wir sind eigentlich eine Tanzkapelle“, sagt Brunner mit ei­nem Augenzwinkern, „und haben über­haupt keine Angst vor Gassenhauern, weil wir die großen Hits vergangener Tage ganz einfach lieben.“ Nicht wenige sind um die 100 Jahre alt – Fat’s Waller’s „Honeysuckle Rose“, „Whispering“ oder Ray Henderson’s „Bye Bye Blackbird“ zum Beispiel – und manche auch ziem­lich abgedroschen, aber sie passen ganz einfach in die jahreszeitliche Umgebung und in eine Situation, in der es nicht um musikalische Analysen geht sondern dar­um, mit ihnen zusammen ein paar schö­ne, entspannte Stunden zu genießen.

Die beiden Gitarristen haben natürlich Vorkehrungen getroffen, damit der Abend nicht eintönig oder vielleicht so­gar langweilig wird. Beide sind hervor­ragende Gitarristen, Bawelino baut im­mer wieder unerwartete Querschläger in seine Improvisationen ein, Brunner punktet als humorvoller Conferencier und ist der Lateinamerika-Spezialist an diesem Abend, integriert Luiz Bonfá und Antonio Carlos Jobim, Bossa Nova und Samba in die Setlist. Beide wechseln sich als Begleiter und Solisten ab, die Kommunikation innerhalb des Duos ist traumhaft sicher und bisweilen hat man den Eindruck, als säßen da nicht zwei Musiker, die insgesamt 12 Saiten bear­beiten, auf der Bühne, sondern ein gan­zes Ensemble.

Trotz all der Gelassenheit und der Aus­geglichenheit, die Musik und Musiker gleichermaßen ausstrahlen, trotz der Ruhe und der Entspanntheit, die über der Szenerie liegt und obwohl der Abend so gar nichts vordergründig Spektakuläres an sich hat, zeigen die altehrwürdigen Stücke Wirkung, denn drei Zugaben kommen selbst beim Birdland-Publikum selten vor. Man ist kritisch, aber man zeigt auch deutlich, wenn einem etwas gut gefällt. So wie das Konzert von Joe Bawelino und Gige Brunner im Beson­deren und die Birdland-Tradition vor­weihnachtlicher Gitarren-Duos im Allge­meinen.


Kerstin Schulz & 4 Of A Kind | 13.12.2025
Donaukurier | Karl Leitner
 

„Alle Jahre wieder …“ – kommen Kerstin Schulz und ihre Band 4 Of A Kind in den Birdland Jazzclub nach Neuburg. Weit ist die Anreise der Musi­ker ja nicht. Schulz und Kontrabassist Michael Harnoß leben in Neuburg, Pia­nist Jens Lohse und Schlagzeuger Tom Diewock sind Ingolstädter und Tenorsa­xofonist Christof Zoelch ist in Eichstätt zu Hause. Seit Jahren ist das Quintett als Aushängeschild der regionalen Jazzsze­ne Stammgast im Birdland und legt auch beim diesjährigen Gastspiel im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke Zeug­nis davon ab, dass der Prophet im eige­nen Land sehr wohl etwas gilt, und dass man eine Sängerin oder eine Band, die mit Jazz zu tun haben, nie in- und aus­wendig kennt, nur weil man sie des öfte­ren schon auf einer Bühne erlebt hat.

Und so ist das Birdland-Gewölbe wie­der mal restlos ausverkauft, ziehen Schulz und die Band einmal mehr gänz­lich neue Saiten auf und bestätigen all jene in der Wahl ihrer Abendgestaltung, mit der sie gute Livemusik der jahres­zeitlich bedingten Alternative in Form des Weihnachtsmarktes am Karlsplatz draußen vor der Tür den Vorzug geben. Schulz, stimmlich prächtig in Form und längst erfahren genug, sie für ihre Zwe­cke optimal einzusetzen, steht wie ge­wohnt im Mittelpunkt. Sie ist für die Songauswahl verantwortlich, die sich wie erwartet deutlich unterscheidet von der des letzten Jahres, und dafür, dass Jazz, Blues und Pop gleichermaßen zu ihrem Recht und die Liebhaber von inti­men Balladen wie etwa Hoagy Carmi­chaels „Nearness Of You“ oder „Bob Dorough’s „But For You“ ebenso auf ihre Kosten kommen wie jene, die es mehr mit Tom Waits, U2 oder den Eu­rythmics haben. Schulz beweist einmal mehr, dass sie sich in jedem Genre wohl fühlt und sogar im Bereich des Soul und dem des Chansons eine hervorragende Figur abgibt.

Dennoch wäre sie aufgeschmissen ohne ihre ersklassig besetzte Band, die sie nicht nur unterstützt, sondern gleichbe­rechtigter Partner ist. Sie verfügt über alle Tugenden einer wirklich guten Jazz­band, die Musiker beweisen durch die Bank Sinn für aussagekräftige Soli und setzten die Arrangements bravourös um. Durch sie bekommt jeder einzelne Song genau das klangliche Umfeld, das er braucht, um seine optimale emotionale Wirkung zu entfalten, sich deutlich vom Original abzuheben und trotz höchst un­terschiedlicher Herkunft als „typisch Kerstin Schulz & 4 Of A Kind“ identifi­zierbar zu sein. Und durch die Detailar­beit von Sängerin und Band kommen auch die „Exoten“ – Lisa Wahlandt’s „Wunsch“ und Pink Martini’s „Sympa­thique“, wofür Schulz vom Englischen ins Deutsche und ins Französische wech­selt – ihren Platz im Programm.

Sie vervollständigen nicht nur die breite stilistische Palette, dienen nicht nur der Struktur des Konzerts, sind nicht nur wichtig für die Dynamik des Abends, sondern ein weiteres Mosaiksteinchen im Erscheinungsbild dieser Band, die zwar in erster Linie „nur“ in der Region unterwegs ist, die man aber – als deren Botschafter sozusagen – in dieser Form auch bedenkenlos auf Tour durch die Re­publik schicken könnte. Und noch eins wird deutlich: Es ist absolut zweitrangig, ob Musiker in arbeitsrechtlicher Hinsicht Amateure oder Profis sind, ob sie haupt- oder nebenberuflich auf der Bühne ste­hen, in der Bildergalerie an den Club­wänden verewigt sind oder nicht. Auf die Klasse kommt es an.


Kerstin Schulz & 4 Of A Kind | 13.12.2025
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

In der Adventszeit, wenn sich die „Local heroes“ im Birdland Jazzclub die Ehre geben, ist das Gewölbe unter der alten Hofapotheke immer bestens gefüllt. Beim Konzert von Kerstin Schulz & Band 4 Of A Kind sogar mehr als das. Auch die winzigen Stehtische, die Barhocker und ein paar Treppenstufen mussten herhalten, um alle Zuhörerinnen und Zuhörer unterzubringen.

Nun ist es nicht ganz so schwer, ein Publikum zu begeistern, das zu einem beträchtlichen Teil aus Freunden und Fans von Kerstin Schulz und ihrer vier Bandmitglieder Christof Zoelch (Saxofon), Michael Harnoß (Bass), Tom Diewock (Schlagzeug) und Jens Lohse (Piano) besteht. Die Herausforderung liegt darin, dies Jahr für Jahr wieder zu schaffen. Das gelingt nur, wenn die Aktiven den Anspruch an sich selbst hoch zu halten und sich auch auf neues Terrain wagen.

Diesen Mut und das dazugehörige Können haben Kerstin Schulz und ihre vier Mitstreiter bewiesen. Die Jazz-Altistin mit ihrem raumfüllenden Organ hat noch einmal einen Sprung nach vorne gemacht. Sie zeigt an diesem Abend, wie viele Seiten der Stimmführung, der Dynamik, der Emotionen sie drauf hat. Nach zwei Stunden strahlt sie eine glückliche Erschöpfung aus – und ein bisschen (berechtigten) Stolz.

Stolz auf ihre Leistung dürfen alle fünf Aktiven sein. Das Konzept, Top-Songs der Popmusik wie „Don’t think twice“ von Bob Dylan, „Sweet dreams“ von Eurythmics, „Temptation“ von Tom Waits oder „Dance me to the end of love“ von Leonhard Cohen in ihre Jazz-Sprache zu transformieren, ist ambitioniert, und es geht auf.

Die Sängerin versenkt sich oft regelrecht in die Seele der einzelnen Songs, mit weichem Cantabile, fast in der Sopran-Lage („Temptation“), mit leicht rauchigem Sound voll kontrollierter Power (bei „Tennessee Whiskey“) und mit dramatischen Ausbrüchen, wo es geboten ist. Und alles in einer klaren Artikulation, die jedem Detail des Textes Gewicht gibt.

Kluge, saubere Artikulation und konzentriertes Mitdenken zeichnen bei diesem Konzert alle vier Bandmitglieder aus. Am Schlagzeug sitzt mit Tom Diewock ein Jazzer mit dem Gespür, dass weniger oft mehr sein kann, ein Meister der kleinen Akzente. Michael Harnoß gibt dem Kontrabass Leichtigkeit und Wärme, Christof Zoelch lässt die Intensität des Altsaxofons in seinen Soli ebenso wie im scheinbar unbedeutenden Motiv aufblühen. Und am Bösendorfer-Flügel ist mit Jens Lohse ein blitzgescheiter und natürlich fingerfertiger Jazzer am Werk.

Auch musikalischer Witz kommt nicht zu kurz. Der Song „Wunsch“ von Lisa Wahlandt fächert zwischen „Ich wünsch mir einen jungen Mann, mit dem man Pferde stehlen kann“ bis zum „einen reichen Mann, der mir die Pferde kaufen kann“alle möglichen Wünsche einer Frau auf. Man darf und soll sich vieles dazu denken. Diese Musik ist erfrischend und schön frech. Ein vergnüglicher Abend.


Madeleine Joel & The Hildeguards | 12.12.2025
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Manchmal können Erwartungshaltungen so riesengroß sein, dass es nahezu unmöglich erscheint, sie zu erfüllen. Wenn es darum geht, einem legendären Star wie Hildegard Knef ein musikalisches Denkmal zu bauen, dann sollte doch bitteschön kein Härchen an der strahlenden Figur verändert werden. Am besten wäre es vielleicht noch, wenn die Knef gleich selbst auf der Bühne des Birdland-Jazzclubs erscheinen würde. Nur kann sie ihren Fans diesen Gefallen leider nicht mehr tun, da sie 2002 starb. Am 28. Dezember hätte die Ikone des deutschen Chansons nun ihren 100. Geburtstag feiern können, und genau aus diesem Anlass will jetzt eine junge Frau aus Österreich ihrem Idol die Ehre erweisen.

Madeleine Joel ist mit einer erlesenen Crew, die sie die „Hildeguards“ nennt, in komplett gefüllten heiligen Hallen des Neuburger Jazz gekommen, um Knef-Titel nach ihrem Gusto und im Gewand des Jazz zu zelebrieren. Und genau darin liegt wohl der Hase im Pfeffer.

Denn bekannte Songs wie „So oder so ist das Leben“ oder „Ich zieh mich an und langsam aus“ und vor allem die Knef-Evergreens „Tapetenwechsel“ sowie „Für mich solls rote Rosen regnen“ klingen hier nun mal anders als gewohnt. Weniger fluffig, dafür mehr jazzig-swingend. Kein Wunder bei Instrumentalisten wie dem US-Pianisten Rob Bagard, dem Tenorsaxofonisten Herwig Gradischnig, dem Posaunisten Johannes Herrlich, Stephan „Bista“ Partus am Bass und Klemens Marktl am Schlagzeug. Sie tun das, was alle Musikerinnen und Musiker an diesem Ort tun: Sie nehmen ein bekanntes Thema und formen und schmücken es aus. So geht Jazz. Diesmal geschieht es nicht mit „Round Midnight“ oder „Summertime“, sondern eben mit „Leg doch nur einmal den Arm um mich“. Natürlich kommt Madeleine Joel eher vom Saxofon (das sie auch in Neuburg bedient) und ist alles andere als eine überragende Sängerin – aber das war die Knef auch nicht. Sie besitzt aber eine natürliche Bühnenpräsenz und lebt die authentischen, unnachahmlichen Texte, als wäre sie ihre eigenen. Rein handwerklich wäre vielleicht auszusetzen, dass ihre Stimme manchmal in der Wucht der Bläser versinkt oder dass ein künstlich generierter Mitsing-Wettbewerb wie in „Mackie Messer“ eigentlich überflüssig wäre. Aber Bagards Arrangements sowie die Soli von Herrlich und Gradischnig beleuchten das bislang noch weitgehend unbekannte Potenzial der Klassiker von Hildegard Knef auf wundersame und schlussendlich höchst unterhaltsame Weise. Und das Publikum hats am Schluss verstanden, spendet begeisterten Applaus und bekommt dafür zwei Zugaben geschenkt. Eine davon heißt sinnigerweise „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehn“…


Madeleine Joel & The Hildeguards | 12.12.2025
Donaukurier | Karl Leitner
 

Derzeit beschäftigt sich die Musikwelt wieder einmal mit Hildegard Knef. Weil sie am 28. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern würde. Dieses Ereignis wird auch in der Region spürbar. Hat tags zuvor noch Ulrich Michael Heissig alias Irmgard Knef die Grande Dame des deutschen Nachkriegs-Chansons anlässlich der Ingolstädter Kabaretttage parodistisch gewürdigt, stehen an diesem Abend die österreichische Sängerin und Altsaxofonistin Madeleine Joel und ihre Band „The Hildeguards“ auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg, um für sie „Rote Rosen regnen“ zu lassen.

Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Club, inhaltsschwere Chansons aus dem Repertoire der wichtigsten deutschen Sängerin der Nachkriegszeit, ja, des ganzen 20. Jahrhunderts, ein Programm mit Songs, die Generationen von Hörern durch das Leben begleitet haben, aber auch solchen, die nie so richtig bekannt wurden, eine verrauchte und charismatische Stimme und eine versierte Band, die ihr dabei zur Seite steht – da kann im Grunde nichts schief gehen. Außer vielleicht, man hat fälschlicherweise erwartet, dass man „Das Glück kennt nur Minuten“, „So oder so ist das Leben“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ in einer Eins-zu-Eins-Kopie des Originals vorgesetzt bekäme.

Nein, „The Hildeguards“ mit Rob Bagard am Flügel, Herwig Gradischnig am Tenorsaxofon, Johannes Herrlich an der Posaune, Stephan Bartus am Kontrabass und Klemens Martkl am Schlagzeug sind eine Jazzband und nehmen sich als solche natürlich die Freiheit der Neuinterpretation, der Umdeutung und die Zeit für echte Covers, für deren akustisches Erscheinungsbild in erster Linie Bagard zuständig ist, der die Arrangements schreibt für die Bläsersätze, die rhythmische Ausrichtung, die Struktur der Stücke, ach, eigentlich für alles verantwortlich ist außer für das Thema und die Texte, die den Songs ihren Wiedererkennungswert geben. Er entwickelt das weiter, was einst Gert Wilden, Hans Hammerschmid, Charly Niessen, Theo Mackeben, Peter Kreuder oder der junge Les Humphries initiierten, die Band füllt es mit Leben, bringt es zum Swingen und Madeleine Joel verleiht ihm Strahlkraft.

In der ersten Hälfte kann sie sich zwar akustisch gegenüber den Bläsern noch nicht endgültig durchsetzen, im zweiten Set aber gelingt der „Tapetenwechsel“ vom Chanson hin zum Jazzsong, der dem Programm auch den Namen gibt, auf sehr beeindruckende Weise. Jazz in allen seinen Facetten trifft auf inhaltliche Nachdenklichkeit, vertonte Wunschträume, weibliches Selbstverständnis in einer Zeit, als der Begriff Emanzipation noch weitgehend unbekannt war. Indem sie ihr Programm über die und ihre Verbeugung vor der Knef anreichert mit deren publizierten Gedanken und Originalzitaten, statt stur ihre Vita nachzuerzählen, kommt sie der Aura, die die Person der Knef auch heute noch umgibt, erstaunlich nahe. Wenngleich man bei der Knef immer das Gefühl hat, irgendetwas bliebe unausgesprochen, der Öffentlichkeit verborgen, obwohl man sie damals doch nach allen Regeln der Kunst durch die Boulevardpresse gezogen hat. – Der Abend im Birdland freilich gehört nicht den Skandalen und dem Tratsch über die Knef, sondern den Sängerinnen und der Musik. Beiden Sängerinnen, der Knef und der Joel, den Originalen, die man im Hinterkopf hat, und den beeindruckenden Neufassungen speziell zum Hundertsten.


Keys, Sax, Bass & Voice
Wasilesku – Zoelch – Schiekofer | 06.12.2025

Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Dass Oliver Wasilesku ein sehr guter Jazz-Pianist und ein guter Arrangeur ist, das weiß jeder, der sich in der regionalen Musikszene halbwegs auskennt. Am Samstag im proppenvollen Birdland-Jazzkeller zeigte der Chef der Musikschule Neuburg noch eine neue, starke Seite: Über ein zweistündiges Programm hinweg trat Wasilesku in musikalischer Personalunion als Sänger und Pianist gleichzeitig auf.

Und das in einer Qualität, die das Publikum zu berechtigten Beifallsstürmen mitriss. Überhaupt stellte dieses Instrumental-Trio unter dem Namen „Keys, Sax, Bass & Voice“ einen Sound in das Kellergewölbe, der sich vor den dort oft gastierenden Starensembles aus aller Welt nicht verstecken muss. Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? So könnte man nach diesem fulminanten Konzert einer regionalen Combo aus Neuburg und Eichstätt fragen. Das heißt nicht, dass Impresario Manfred Rehm auf „local heroes“ umstellen sollte. Aber dieser Abend zeigte in idealer Weise, was mit Bordmitteln möglich ist.

Bei diesem Sound vermisst niemand ein Schlagzeug. Der bestens aufgelegte Bassist Ulrich Schiekofer und der souveräne Bandleader Oliver Wasilesku ersetzen Trommeln und Becken auf eine hochmusikalische, elegante Art – im perfekten Zusammenspiel mit dem ebenso empfindsamen wie ausdrucksstarken Christof Zoelch am Altsaxofon.

So werden viele der (Liebes-)Lieder aus der Zeit zwischen 1932 und 1952 zu Jazz-Preziosen. Wasilesku gibt mit seinem feinen, sauberen Bariton-Tenor Songs wie „Saturday Night ist the loneliest Night..“, „The Touch of your Lips“ oder „How Deep is the Ocean“ Tiefe und Emotion. Und das mit größter Sicherheit im Spiel auf dem Bösendorfer-Flügel. Diese doppelte Konzentrationsleistung mit Gesang und Piano wirkt so leicht – und ist doch so schwer. Wasilesku wandelt sich gleichsam in einen Gesangs-Pianisten oder Klavier-Sänger.

Vom ersten, hinreißenden Bass-Solo im „Saturday Night…“ bis zu den improvisatorischen Spaziergängen in der Zugabe „Santa Clause….“ spielt Ulrich Schiekofer einen vitalen und wie ein Schweizer Uhrwerk zuverlässigen Kontrabass-Part. Christof Zoelch gibt seinen Motiven, Melodien und virtuosen Einwürfen in jedem Ton Charakter und Power, auch die Zerbrechlichkeit und der elegische Grundton einiger Songs wird in seiner Interpretation spürbar.

„Harlem Nocturne“ ein reines Intrumentalstück wird bei dieser Qualität aller drei Jazzer zu einem
zu Herzen gehenden, dichten, mit tollen Unisono-Passagen veredelten Glanzstück. Mehrfach setzt das Publikum zum üblichen Szenenapplaus nach den Soli an, wird dann aber schnell wieder ganz ruhig. Die Leute spüren, diese Musik darf man auch nicht für ein paar Sekunden durch rauschenden Applaus überdecken und damit „stören“. Das ist ein großes Kompliment.


Keys, Sax, Bass & Voice
Wasilesku – Zoelch – Schiekofer | 06.12.2025

Donaukurier | Karl Leitner
 

Es sind Namen, über die man immer wieder stolpert, wenn man sich in der Region in Sachen Jazz um­hört und umschaut. Pianist Oliver Wasi­lesku leitet die SwingIN Big Band, Kon­trabassist Uli Schiekofer kennt man un­ter anderem durch seine Zusammenar­beit mit Rudi Trögl und Altsaxofonist Christof Zoelch ist auch Teil der Stamm­band von Kerstin Schulz. Wenn diese drei sich zusammentun, darf man sich durchaus auf ein musikalisches Erlebnis der besonderen Art einstellen.

Bereits bei seinem Gastspiel im ver­gangenen Jahr im Birdland Jazzclub be­geisterte das Trio sein Publikum, und auch diesmal räumt es im wieder einmal proppenvollen Gewölbe ab, und zwar mit neuem Programm und neuem Kon­zept. In der regionalen Jazzszene gibt es einige sehr gute Sängerinnen, bei den Sängern schaute es bislang in dieser Hin­sicht eher mau aus. Nun nicht mehr, denn Oliver Wasilesku entpuppt sich an diesem Abend nicht nur einmal mehr als erstklassiger Pianist, Arrangeur und Pro­grammgestalter, sondern auch als her-vorragender Vokalist.

Welch gelungene Überraschung! Sein Programm umfasst Stücke, die man mit Nat King Cole, Frank Sinatra oder auch Tony Bennett in Verbindung bringen kann, aber er kopiert die großen Namen nicht, ist weder Crooner noch Soulsän­ger, sondern schlüpft in die Rolle des Vermittlers. Absolut sicher in der Intona­tion, ausdrucksstark und auch risikofreu­dig verbindet er Jazzsongs der Ära zwi­schen 1932 und 1952, die zu ihrer Zeit selber Pop waren, mit dessen Ausdrucks­formen von heute. In seinen Versionen nähern sich Klassiker wie „I’ve Got You Under My Skin“, „How Deep Is The Ocean“ oder „The Way You Look To­night“ der aktuellen Spielweise des Jazz-Pop an, für die beispielsweise Leute wie Jon Regen in New York oder Paddy Mil­ner in London stehen. Wie jene ist er ein überragender Pianist, begleitet sich selbst, hat Erfahrung mit allen Formaten von der Big Band bis zur Soloperfor­mance, überrascht mit der Tragfähigkeit und der Qualität der Stimme die Zuhörer und zaubert ihnen gleichzeitig ein Lä­cheln ins Gesicht. Der Gesang, die von Wasilesku runderneuerten, teils komplett neu arrangierten Songs und die dadurch entstandenen Groove-Versionen etwa von „Old Devil Moon“ und „Pennies From Heaven“ sind das eine. Die Band setzt noch eins drauf.

Der Mann am Klavier und Uli Schieko­fer am Kontrabass sind an diesem Abend ein Traumpaar, unzertrennlich, eine kompakte Einheit. Beide genügen auch als Solisten höchsten Ansprüchen, ganz klar, aber ihre Tightness ist schon außer­gewöhnlich. Dazu kommen die coolen Soli, die Christof Zoelch seinem Saxo­fon entlockt. Sie spiegeln nicht nur per­fekt die Ära wieder, aus der die Stücke des Abends stammen, sondern sind in ih­rer Dramaturgie auch höchst geschickt strukturiert. Im Notfall würden Piano und Bass auch als Duo prächtig funktio­nieren, mit Zoelchs solistischen Kom­mentaren als Sahnehäubchen oben drauf wird die Sache zu einem echten Ereignis und das Trio zu einem Aushängeschild für die Region und auch darüber hinaus. Fehlt nur noch, dass Wasilesku beim nächsten Auftritt im Birdland auch noch eigene Stücke mitbrächte. Selber kompo­nieren? – Auch das wäre ihm zuzutrauen.


Cassablanka | 05.12.2025
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Proppenvoll! Kein freier Stuhl mehr, kaum noch Stehplätze. Eigentlich könnte man ja das ganze Jahr über die „Local Heroes“ auftreten lassen. Zu solchen Anlässen kommen Leute, die sonst normalerweise kaum den Weg in den Neuburger Birdland-Jazzclub finden und die dort regelmäßig auftretenden Weltstars links liegen lassen. Ein Konzert wie das des Salonorchesters Cassablanka ist deshalb weniger ein kulturelles, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Ereignis: Sehen und gesehen werden, oder Verwandten und Freunden auf der Bühne moralische Unterstützung zu geben. Was beileibe nichts über die Qualität der (Amateur-) Bands aussagt, die sich regelmäßig zum Jahresende unter dem Motto „Jazz aus der Region“ im Hofapothekenkeller zur Schau stellen. Eher etwas über das Publikum.

Mit der neunköpfigen Formation um ihren Mastermind Alexander Großnick haben am Freitagabend einige alte Bekannte wieder ihre Visitenkarte abgegeben. Man kennt sich und registriert deshalb auch mit großem Vergnügen den Fortschritt, den die Damen und Herren von Cassablanka von Jahr zu Jahr zur Schau stellen. Das Paradestück der Combo ist ihr üppiger, akkurater Bläsersatz, bei dem neben Tenorsaxofonist Großnick, Baritonsaxofonist Nils Niermann, Trompeter Gerhard Hörmann und Posaunist Christian Rehm mit Peter von der Grün am Altsaxofon einmal mehr ein leibhaftiger Landrat seine musischen Qualitäten unter Beweis stellt. Von der Grün wäre als Mitglied des Landesjugendjazzorchesters Bayern beinahe selbst einmal professioneller Musiker geworden. Seine Soli, aber auch die von Alexander Großnick, überzeugen durch überraschende Wendungen und eine ganz erstaunliche technische Reife.

Es ist die Liebe zum Detail, die überzeugt, die Aneinanderreihung verschiedener Preziosen, bei denen man glaubt, erahnen zu können, wie oft dieser Break oder jener Tonartwechsel wohl geübt wurden, bis sich letztlich alles zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt. Und ja: Es swingt – nicht zuletzt dank der im Hintergrund agierenden Pianistin Brigitte Pettmesser, Bassistin Renate Hörmann und Schlagzeuger Florian Herrle, die man leider auf der kleinen Bühne so gut wie nicht zu Gesicht bekommt. Sylvia von der Grün, die Schwester des Landrats…, pardon, Altsaxofonisten, demonstriert ihre erstaunliche Intonationssicherheit bei Standards wie „How High The Moon“, „Polkadots And Moonbeams“, „Sʼ Wonderful“ oder „At Last“, während bei Cassablanka die Auswahl selten gespielter Evergreens wie „Just Friends“, A Nightingale Sang In Berkeley Square“ oder die adaptierte Beatles-Nummer „Here, There And Everywhere“ ins Ohr sticht. Eine reife, leidenschaftliche Performance dieser engagierten kleinen Big Band.