Wenn es um Gypsy Swing geht, steht normalerweise im Mittelpunkt des Geschehens und des Interesses ein Gitarrist, der auf rasend schnelle Art Läufe und Melodien spielt und nicht selten ein Virtuose auf seinem Instrument ist. Manchmal ist ein Geiger mit dabei, ein Akkordeonist oder in seltenen Fällen auch ein Klarinettist, der es ihm gleichtut, so gut wie nie aber ein Schlagzeuger, weil für den Rhythmus ein zweiter Gitarrist und der Bassist sorgen. Und in kompositorischer Hinsicht schwebt fast immer der legendäre Django Reinhardt über der Szenerie, der Übervater dieser ganz und gar eigenen Gattung des Jazz.
Der Gitarrist Wawau Adler, der an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg gastiert, bildete da bislang keine Ausnahme. Nun aber hat er neben Michael Acker (Kontrabass) und Julian Wohlmuth (Rhythmusgitarre) den Altsaxofonisten Jan Prax neben sich auf der Bühne, nennt seine Band „Gypsy Bop“ und stellt damit eine Verbindung her zwischen dem, womit Reinhardt (1910-1955) zur zentralen Figur seines Subgenres wurde, und dem, was man bis heute Bebop nennt und was gleichzeitig auf Initiative eines Charlie Parker (1920-1955) im Rest der Jazzwelt für Aufsehen sorgte. Adler spielt wohlgemerkt im Verlaufe des Abends keinen einzigen Ton aus Reinhardt’s Werk und Prax keinen aus dem von Parker, aber die beiden Heroen sind quasi mit im Raum und Treffen auf Vermittlung Adlers aufeinander, was ein Gypsy Swing-Konzert ergibt, das zwar auf traditioneller Basis abläuft, aber doch sehr über das hinausgeht, was sonst unter diesem Etikett angeboten wird.
Neben einigen Fremdkompositionen wie Gershwin’s „The Man I Love“, Jobim’s „Meditation“ und „Illusionen“ aus der Feder von – man glaubt es kaum – Udo Jürgens gibt es etliche Adler-Stücke zu hören. „Kolibri“, das drei Tage nach dem Konzert im Studio für eine CD eingespielt werden wird, das vom Titel her absolut ins Bild passende „Jazzy Populair“ oder „Moods“, das alles enthält, was Adler als Gitarrist auszeichnet. Die Konzeption der Stücke verrät dessen Nähe zur Tradition, den Bebop bringt Prax ins Spiel, der sich mit seinem Ton ausdrücklich auf Parker bezieht und mitunter auch auf John Coltrane, der ja zu Beginn seiner Karriere auch überwiegend Altsaxofon spielte. Deren Erbe verbindet er mit der Rasanz, den reichhaltig ornamentierten Figuren und den flüssigen Girlanden des Gypsy Swing, fügt sich damit ein in die Welt Adlers, bereichert sie, aber nicht als Gast, sondern von Beginn an als ein Teil von ihr.
Normalerweise weiß man als Zuhörer bei einem Gypsy Swing-Konzert, was einen erwartet. Adler und seine Band werden den Erwartungen absolut gerecht, auch ohne die ansonsten unvermeidlichen Reinhardt-Stücke. Der Wohlfühl-Charakter, der unerbittliche Swing-Groove, die Virtuosität der Solisten, die speziell europäische Note dieser Musik – alles ist da und verfehlt nicht seine Wirkung beim Publikum, das sich wieder einmal schwer beeindruckt zeigt. Das Besondere freilich, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, ist die Öffnung eines Genres, das immer wieder für Staunen, Relaxtheit und Genuss sorgt, aber auch oftmals durch vorgezeichnete Grenzen gekennzeichnet ist. Dass beides geht – Traditionsbewusstsein und Offenheit – zeigt dieser Abend.

