Wer von Nordic Jazz spricht, denkt an Skandinavien, eine ganz bestimmte, damit verbundene Stimmung und daran, dass die landschaftliche und klimatische Umgebung anscheinend durchaus mitunter abfärbt auf die Art des Komponierens und Spielens. Der Begriff des Southern Jazz hingegen kommt – zumindest in Europa – so gut wie gar nicht vor. Vielleicht sollte man ihn ja einführen.
Lichtdurchflutete Harmonien, fließende Rhythmen, Melodien, die an Sonne und Wärme denken lassen, Lebensfreude und Dolce Vita – irgendwie schwebt der Hauch des Südens über dem, was das Quartett um den Pianisten Lorenzo Bellini akustisch an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg ausbreitet. Anscheinend habe die vier jungen Italiener, die sich an der Berklee School Of Music in Boston erstmals über den Weg gelaufen und seither gemeinsam europaweit unterwegs sind, auch ein wenig vom Duft ihrer Heimat mitgebracht, wenn sie Stücke wie „Fragile Spirit“, „From Omega „ und „Source“ intonieren und damit eine freundliche, positive Grundstimmung verbreiten, verfügen sich doch allesamt über klare, sensible Melodien, und eine harmonische Tiefe, der man sich als Zuhörer emotional gerne ausliefert.
Was Bellni abliefert, hat wohlgemerkt überhaupt nichts zu tun mit der landesüblichen Folklore auf dem Stiefel, sondern lässt einen eher an den frühen Pat Metheny denken – was natürlich auch an Luca de Toni liegt und dessen vorzüglicher Figur, die er an der E-Gitarre abgibt. Es gibt fest umrissene Strukturen, innerhalb derer aber genügend Platz ist für einen mit leichter Hand inszenierten Flow, Strukturen, die ihn nicht nur zulassen, sondern geradezu befördern. Es gibt Passagen, bei denen man den Eindruck hat, die Band wolle es ganz einfach mal entspannt und mit Genuss laufen lassen. Und es gibt Bellini, der – zusammen mit De Toni, der ebenfalls als Komponist in Erscheinung tritt – die Richtung vorgibt. Er ist der „Architekt am Klavier“, der unisono mit dem Gitarristen als Partner die Themen entwirft und vorstellt und sie dann zusammen mit Matteo Padoin am Kontrabass und Andrea Dionisi am Schlagzeug bearbeitet.
Die Kompositionen sind zwar von einer bewundernswerten Leichtigkeit, aber keine Leichtgewichte. Obwohl sie eher an eine wellige Hügellandschaft erinnern als an schroffe Felswände, gibt es da durchaus immer wieder Grate, die erst einmal gemeistert werden wollen, ohne dass der Fluss darunter leidet. Ein weicher Ton, eine schöne, vielleicht sogar verträumte Melodie, bei der man gerne die Augen schließt, bedeutet nicht, dass es irgendeinen Grund gäbe, sich einlullen zu lassen. Nein, Aufmerksamkeit ist schon gefragt, denn man muss durchaus mit unerwarteten Richtungsänderungen, harmonischen Schwankungen und rhythmischen Unebenheiten rechnen. Dynamik, innere Spannung und kleine Exkursionen in die Gefilde abseits der markierten Wege gehören ebenso mit zum Konzept wie eine gewisse Vorhersehbarkeit, die dem Zuhörer Sicherheit verleiht.
Das Konzert des Bellini Quartet ist einer dieser Abende im Birdland, an dem es mal nicht um große Namen und bekannte Musiker des Jazz geht, sondern um die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Zum Beispiel diese Band aus Italien, von der vorher wohl die wenigsten gehört hatten und die doch einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

