Im Mai 1996 lieferte der legendäre Vibraphonist Milt Jackson im Birdland Jazzclub ein sensationelles Konzert ab. Am Flügel saß damals „der hinreißende Pianist Mike LeDonne mit seinem erlesenen Blueshändchen“, wie es anschließend in der Presse hieß. Der ist nun wieder in Neuburg zu Gast, diesmal als Chef einer eigenen Band, und beginnt sein Konzert mit Ray Brown’s „Used To Be Jackson“, das auch damals auf der Setlist stand. Und erweist sich dabei wieder einmal als ein Meister aller Tasten, dem weder im Mainstream- noch im Modern Jazz so leicht einer etwas vormacht.
Ansonsten ist er auch öfter mal mit The Heavy Hitters oder mit Soul Chemistry anzutreffen, mitunter auch an der Hammond B3, diesmal jedoch wird der Mann aus Bridgeport, Connecticut unterstützt von Andrew Wagner an der Trompete, Alex de Lazzari am Tenorsaxofon, Clemens Gigacher am Kontrabass und Joris Dudli am Schlagzeug. Diese Besetzung ist zwar der seiner anderen Projekte nicht unähnlich, die Musik jedoch ist eine ganz andere. Bis auf zwei Exkursionen ins Great American Songbook, die man aber vernachlässigen kann, geht es bei diesem Konzert fast ausschließlich um Le Donne-Stücke aus verschiedenen Phasen seiner Karriere, um „Silver Dust“, das er für Horace Silver geschrieben hat, um das bluesige „That’s What’s Up“, das wuchtige „Continuum“ und das rasante „Groundation“, das er ausdrücklich seinem 2019 verstorbenen Pianisten-Kollegen Harold Mabern widmet, der 2017 noch selbst im Birdland konzertierte. LeDonne macht aus seiner Hochachtung ihm gegenüber kein Geheimnis und spielt im Andenken an ihn auch noch „The Booking Agent“.
Rasende Läufe, geerdet durch dazwischen geschobene Akkordblöcke, harmonische Richtungswechsel und dieser unglaubliche Einfallsreichtum – das sind Faktoren, die LeDonne auszeichnen. Besonders gut zu beobachten sind sie in dem Moment, als die beiden Bläser von der Bühne gehen und bei Mongo Santamaria’s „Afro Blue“ das Quintet zum Trio wird. Was LeDonne mit diesem Titel abliefert, ist schlichtweg Weltklasse und steckt trotz verminderter Wucht voller Energie und innerem Feuer. Denn auch diese Komponenten gehören mit dazu, wenn aus einem Konzert ein denkwürdiges Ereignis werden soll, das Publikum nicht nur beeindruckt sondern gepackt und mitgerissen werden soll. Die Bläser schieben an, der Groove rollt unerbittlich und die Solisten überschlagen sich geradezu im Entwickeln unorthodoxer Ideen, die sie dann auch noch meisterlich umsetzen.
In für den Hardbop typischer Besetzung leistet die Band wahrlich Großartiges an diesem Abend und die beiden erfahrenen Haudegen Dudli und LeDonne, der nicht nur an der Seite von Milt Jackson, sondern auch an der von Benny Goodman, Dizzy Gillespie oder Joshua Redman zu hören und zu sehen war, harmonieren prächtig mit den Jungen, die ihre Söhne sein könnten. Das kommt wie zu erwarten sehr gut an beim Publikum, das denn auch postwendend eine Zugabe fordert, die gerne gewährt wird. In Form eines wunderschönen Blues, der musikalischen Form, die das gesamte Werk LeDonne’s wie ein Bekenntnis durchweht. – Ein überaus beeindruckender Abend im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke mit heißer Musik drinnen bei nasskaltem Schmuddelwetter draußen vor der Tür.

