Manchmal können Erwartungshaltungen so riesengroß sein, dass es nahezu unmöglich erscheint, sie zu erfüllen. Wenn es darum geht, einem legendären Star wie Hildegard Knef ein musikalisches Denkmal zu bauen, dann sollte doch bitteschön kein Härchen an der strahlenden Figur verändert werden. Am besten wäre es vielleicht noch, wenn die Knef gleich selbst auf der Bühne des Birdland-Jazzclubs erscheinen würde. Nur kann sie ihren Fans diesen Gefallen leider nicht mehr tun, da sie 2002 starb. Am 28. Dezember hätte die Ikone des deutschen Chansons nun ihren 100. Geburtstag feiern können, und genau aus diesem Anlass will jetzt eine junge Frau aus Österreich ihrem Idol die Ehre erweisen.
Madeleine Joel ist mit einer erlesenen Crew, die sie die „Hildeguards“ nennt, in komplett gefüllten heiligen Hallen des Neuburger Jazz gekommen, um Knef-Titel nach ihrem Gusto und im Gewand des Jazz zu zelebrieren. Und genau darin liegt wohl der Hase im Pfeffer.
Denn bekannte Songs wie „So oder so ist das Leben“ oder „Ich zieh mich an und langsam aus“ und vor allem die Knef-Evergreens „Tapetenwechsel“ sowie „Für mich solls rote Rosen regnen“ klingen hier nun mal anders als gewohnt. Weniger fluffig, dafür mehr jazzig-swingend. Kein Wunder bei Instrumentalisten wie dem US-Pianisten Rob Bagard, dem Tenorsaxofonisten Herwig Gradischnig, dem Posaunisten Johannes Herrlich, Stephan „Bista“ Partus am Bass und Klemens Marktl am Schlagzeug. Sie tun das, was alle Musikerinnen und Musiker an diesem Ort tun: Sie nehmen ein bekanntes Thema und formen und schmücken es aus. So geht Jazz. Diesmal geschieht es nicht mit „Round Midnight“ oder „Summertime“, sondern eben mit „Leg doch nur einmal den Arm um mich“. Natürlich kommt Madeleine Joel eher vom Saxofon (das sie auch in Neuburg bedient) und ist alles andere als eine überragende Sängerin – aber das war die Knef auch nicht. Sie besitzt aber eine natürliche Bühnenpräsenz und lebt die authentischen, unnachahmlichen Texte, als wäre sie ihre eigenen. Rein handwerklich wäre vielleicht auszusetzen, dass ihre Stimme manchmal in der Wucht der Bläser versinkt oder dass ein künstlich generierter Mitsing-Wettbewerb wie in „Mackie Messer“ eigentlich überflüssig wäre. Aber Bagards Arrangements sowie die Soli von Herrlich und Gradischnig beleuchten das bislang noch weitgehend unbekannte Potenzial der Klassiker von Hildegard Knef auf wundersame und schlussendlich höchst unterhaltsame Weise. Und das Publikum hats am Schluss verstanden, spendet begeisterten Applaus und bekommt dafür zwei Zugaben geschenkt. Eine davon heißt sinnigerweise „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehn“…

