Derzeit beschäftigt sich die Musikwelt wieder einmal mit Hildegard Knef. Weil sie am 28. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern würde. Dieses Ereignis wird auch in der Region spürbar. Hat tags zuvor noch Ulrich Michael Heissig alias Irmgard Knef die Grande Dame des deutschen Nachkriegs-Chansons anlässlich der Ingolstädter Kabaretttage parodistisch gewürdigt, stehen an diesem Abend die österreichische Sängerin und Altsaxofonistin Madeleine Joel und ihre Band „The Hildeguards“ auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg, um für sie „Rote Rosen regnen“ zu lassen.
Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Club, inhaltsschwere Chansons aus dem Repertoire der wichtigsten deutschen Sängerin der Nachkriegszeit, ja, des ganzen 20. Jahrhunderts, ein Programm mit Songs, die Generationen von Hörern durch das Leben begleitet haben, aber auch solchen, die nie so richtig bekannt wurden, eine verrauchte und charismatische Stimme und eine versierte Band, die ihr dabei zur Seite steht – da kann im Grunde nichts schief gehen. Außer vielleicht, man hat fälschlicherweise erwartet, dass man „Das Glück kennt nur Minuten“, „So oder so ist das Leben“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ in einer Eins-zu-Eins-Kopie des Originals vorgesetzt bekäme.
Nein, „The Hildeguards“ mit Rob Bagard am Flügel, Herwig Gradischnig am Tenorsaxofon, Johannes Herrlich an der Posaune, Stephan Bartus am Kontrabass und Klemens Martkl am Schlagzeug sind eine Jazzband und nehmen sich als solche natürlich die Freiheit der Neuinterpretation, der Umdeutung und die Zeit für echte Covers, für deren akustisches Erscheinungsbild in erster Linie Bagard zuständig ist, der die Arrangements schreibt für die Bläsersätze, die rhythmische Ausrichtung, die Struktur der Stücke, ach, eigentlich für alles verantwortlich ist außer für das Thema und die Texte, die den Songs ihren Wiedererkennungswert geben. Er entwickelt das weiter, was einst Gert Wilden, Hans Hammerschmid, Charly Niessen, Theo Mackeben, Peter Kreuder oder der junge Les Humphries initiierten, die Band füllt es mit Leben, bringt es zum Swingen und Madeleine Joel verleiht ihm Strahlkraft.
In der ersten Hälfte kann sie sich zwar akustisch gegenüber den Bläsern noch nicht endgültig durchsetzen, im zweiten Set aber gelingt der „Tapetenwechsel“ vom Chanson hin zum Jazzsong, der dem Programm auch den Namen gibt, auf sehr beeindruckende Weise. Jazz in allen seinen Facetten trifft auf inhaltliche Nachdenklichkeit, vertonte Wunschträume, weibliches Selbstverständnis in einer Zeit, als der Begriff Emanzipation noch weitgehend unbekannt war. Indem sie ihr Programm über die und ihre Verbeugung vor der Knef anreichert mit deren publizierten Gedanken und Originalzitaten, statt stur ihre Vita nachzuerzählen, kommt sie der Aura, die die Person der Knef auch heute noch umgibt, erstaunlich nahe. Wenngleich man bei der Knef immer das Gefühl hat, irgendetwas bliebe unausgesprochen, der Öffentlichkeit verborgen, obwohl man sie damals doch nach allen Regeln der Kunst durch die Boulevardpresse gezogen hat. – Der Abend im Birdland freilich gehört nicht den Skandalen und dem Tratsch über die Knef, sondern den Sängerinnen und der Musik. Beiden Sängerinnen, der Knef und der Joel, den Originalen, die man im Hinterkopf hat, und den beeindruckenden Neufassungen speziell zum Hundertsten.

