Das ist, was Jazz unter anderem ausmacht, was weder in der Klassik noch im Pop möglich ist: Jemand komponiert Musik, schreibt sie auf und schaut während der Aufführung derselben nach, was eigentlich in ihr steckt, welche Möglichkeiten sie beinhaltet, tritt quasi eine Forschungsreise ins eigene Werk an und fördert Dinge zutage, die er vermutlich selber und sein Publikum schon gar nicht erwartet hat.
Louis Sclavis, einer der weltbesten Virtuosen an der B- und der Bassklarinette, und sein Kollege Benjamin Moussay am Bösendorfer-Flügel unternehmen an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg eine solche Reise. Forschungsobjekte sind vor allem Kompositionen aus der Feder Moussay’s und wenn die beiden in sie eintauchen, wird man Ohrenzeuge, wie sich gemeinsam hineinziehen lassen in eine ungemein spannende Welt voll neuer Töne, unerwarteter Rhythmen, sich von den notierten Vorlagen immer mehr lösen und sich ganz der eigenen Stimmung, der Atmosphäre des Raumes und dem überlassen, was an Reaktionen aus dem Publikum zu ihnen auf die Bühne zurückkommt. Was man hört, begierig aufnimmt und was einen da so fasziniert, ist Musik, die lebt durch die feinsinnige, kammermusikalische Betrachtung, die die beiden ihr angedeihen lassen, durch den Dialog, den sie auf kongeniale und überaus konzentrierte Art miteinander führen, durch beider Erfindungsreichtum, der nicht selten auch Skurriles hervorbringt.
Sclavis und Moussay, der eine aus Lyon, der andere aus Strasbourg stammend, spielen seit über zehn Jahren als Duo zusammen, kennen sich also in- und auswendig. Und weil nicht nur gegenseitige Hochachtung, sondern auch die Empathie eine entscheidende Rolle spielt in diesem Format, kommen dieser überaus rege Austausch, diese Kontraste und diese Verbundenheit überhaupt erst zustande. Jeder weiß vom anderen, wie er tickt, reagiert, wo seine Vorlieben liegen, man umarmt sich gegenseitig, geht getrennte Wege, fordert einander heraus, wagt eine Verfolgungsjagd oder und geht getrennte Wege. Um sich am Ende vielleicht sogar exakt am Ausgangspunkt wieder zu treffen.
In keinem anderen Format ist man dermaßen aufeinander angewiesen wie im Duo. Der Solist ist nur sich selbst verantwortlich und entscheidet alleine, im Quartett oder Quintett kann man sich auch mal eine Verschnaufpause gönnen und in der Big Band sich sogar verstecken, wenn man mal einen schlechten Tag hat. Im Duo geht das nicht. Wenn die beiden Doppel-Partner nicht harmonieren oder wenn einer schwächelt, ist der Zauber weg. Bei Sclavis und Moussard passiert genau das Gegenteil, wird er mit zunehmender Konzertdauer immer stärker. In „L’Heure de Loup“ streunt man dem Titel entsprechend mit den Wölfen durch einsame Landschaften, in „Unfolding“ läuft eine Art Filmmusik ab, bei „Somebody Leaves“ kann man mit Sclavis und Moussard eintauchen in einen Strudel aus Noten und Klangvariationen und bei „Fleur Bleue“ wunderschöne Harmonien genießen.
All die Stücke des Abends sind Momentaufnahmen. Beim nächsten Konzert werden sie mit Ausnahme des Themas ganz anders klingen. Dass jeder Musiker, der im Birdland auftritt, sein Instrument beherrscht, davon kann man ausgehen. Der Reiz liegt in der Unvorhersehbarkeit dessen, was er tut und wie er dies tut. Das kann dann solch tolle Abende wie diesen zeitigen.

