Sehnsuchtsorte der Welt, Sound der Geheimnisse und der Unergründlichkeit, Sound aus der Wiege der Menschheit und der Vielfalt ihres Daseins. Dazu natürlich der Sound der Neuen Welt, des Jazz, der Minimal Music, der europäischen Klassik und Folklore. Das alles und noch mehr hat der überragende Louis Sclavis in den Jahrzehnten seines musikalischen Schaffens an Klarinette und Bassklarinette erfahren, erforscht, sich zu eigen gemacht und den Wurzeln seiner französischen Herkunft behutsam aufgepfropft.
Nun entfaltet sich daraus eine wahre Pracht in vielfältig schimmernden Farben und vitaler Frische, dabei eher leise, ohne Prunk und Protz, vermischt mit einem verhaltenen melancholischen Unterton: „Unfolding“, der Titelsong des Duo-Konzerts im Birdland Jazzclub mit Benjamin Moussay am Piano, widmet sich den Momenten des Unerweckten, des Unerwarteten, des Wachsens, der Entfaltung. Moussay zeigt am Bösendorfer von Beginn an alle Mittel der französischen Romantik und klassischen Moderne, sensiblen Anschlag, fein dosierten Pedaleinsatz, klangmalerische Gestaltungskraft, imaginative Intensität und virtuose Beweglichkeit, dabei stets dialogsichere Balance und hohe Achtsamkeit. Das Zusammenspiel der beiden ist von jener kreativen Aufmerksamkeit geprägt, die aus einem Duo so viel mehr macht als nur die Summe seiner Teile.
„Somebody Leaves“ verwirbelt förmlich die Spuren des Gewesenen im kontrastreich bewegten Moment des Vergessens, schnell, scheinbar leichthin, vage, in linearer Flüchtigkeit und dann doch in so nachdenklich wie wehmütig nachhallender Erinnerung. Louis Sclavis kann die Klarinette singen lassen, zwitschern, schreien, sinnieren und schmachten. Das Timbre ist überaus expressiv und variabel, auf der Bassklarinette umso mehr, die rollt und grollt und gründelt in den Tiefen aller Schatten. Immer wieder lassen sich Sclavis und Moussay Räume zur freien Entfaltung. Ausgiebige Solo-Exkurse atmen den Geist der Neugierde, der Fantasie und der Freiheit, finden sich stets neu zusammen in achtsamer Geschlossenheit, musikalischer Einheit und tiefem musikalischem Einverständnis. Immer wieder wird der Flow unterbrochen, verwirbelt, an- und aufgeregt in dunkler Ungewissheit, kontrastreichem Strudel, verharrender Suche. Immer wieder finden sich frappant übereinstimmende Lösungen, die ihrerseits lauern, was passiert, wie sich die Ereignisse entwickeln und weiterspinnen aus den Momenten des Möglichen: Spannung, Entspannung, Entgrenzung von Zeit und Raum, Entfaltung – Unfolding!

