Lage Lund Quartet
und „radioJazznacht extra“: Fernanda von Sachsen Quartett | 22.11.2025

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Na, wieder mal die vierstündige Livesendung des Bayerischen Rundfunks verpasst, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag faszinierende Impressionen des Birdland Radio Jazz-Festivals nach außen trug und damit beste unbezahlte Werbung für Neuburg machte? Wäre nicht das erste Mal. Während der restliche Freistaat nämlich über das, was jedes Jahr Ende November aus dem Keller der Hofapotheke dringt, regelmäßig ins Schwärmen gerät, hält sich die Resonanz in der „Kulturstadt“ fast schon traditionell in überschaubaren Grenzen. „Das Birdland ist wirklich etwas ganz Besonderes“, preist deshalb auch BR-Redakteur Roland Spiegel, mit seinem Kollegen Uli Habersetzer im ersten Stock der Hofapotheke sitzend, während der „Jazznacht“ auf BR Klassik und Bayern 2 zwischen 22 abends und zwei Uhr morgens die Einzigartigkeit des Clubs gebetsmühlenartig wie der Rufer in der Wüste.

Für Spiegel ist die 15. Auflage des Festivals, das er zusammen mit Birdland-Chef Manfred Rehm 2011 ins Leben rief, gleichzeitig sein Abschied in den Ruhestand. Deshalb hat sich Rehm auch nicht lumpen lassen, dem BR-Redakteur bei seinen letzten Neuburg-Gastspiel ein besonderes Geschenkpaket in Form eines exquisiten, hochkarätigen Programms mit acht Konzerten – fünf davon mit Frauen als Bandleaderinnen – zu schnüren. „Da kann man nur den Hut ziehen“, freut sich Spiegel, „Es ist überaus geschmackssicher zusammengestellt und geprägt von einer nicht versiegenden Abenteuerlust. Typisch für einen Programmgestalter, der ein guter Zuhörer ist.“ Nicht umsonst hat der „Impresario“ drei Tage vor dem großen Finale „seines“ Festivals, das trotz der ARD Programmreform auch in Zukunft bundesweit ausgestrahlt werden soll, erneut den „Applaus“-Award für das „Beste Livemusikprogramm“ in Deutschland erhalten (wir berichteten).

Und so beginnt der Schlussakkord auch mit geballter Frauenpower, nämlich der koreanischen Pianistin Gee Hye Lee und ihrer Freundin, der Nürnberger Schlagzeugerin Mareike Wiering, die mit ihrem famosen Quintett bereits im Januar im Birdland zu Gast waren. Herausragend dabei einmal mehr der deutsche Wundertrompeter Jakob Bänsch, der in der kurzen Zeit offenbar noch einen Schritt nach vorne gemacht zu haben scheint. Immer noch 22 Jahre ist der Bursche jung und klingt doch schon so reif und wandlungsfähig, als hätte er mehrere Karriere-Jahrzehnte auf dem Buckel.

Diese Farbenpracht gelingt ihm vor allem dank der emotionalen, bewegenden und faszinierenden Kompositionen der Bandleaderin, die in ein Fest aus pulsierenden Rhythmen und dramatischen Endungen münden, und wunderschönen harmonischen Klanglandschaften, die Sonnenuntergänge sowie einen weiten Horizont evozieren können. Großes Kino, lang anhaltender Applaus!

Tags darauf fallen die Reaktionen bei dem Gastspiel des hochdekorierten norwegischen Gitarrenzauberers Lage Lund eher verhaltener aus. Die Dramaturgie seiner Performance, die er mit Weltklasse-Kollegen wie dem Bassisten Orlando LeFleming, dem Mehldau-Drummer Jeff Ballard und dem Kölner Pianisten Pablo Held kredenzt, könnte man als „linear“ bezeichnen.

Die Musik wirkt wie ein Netz aus spinnwebartigen Konstruktionen, die sich nur schwer aus den Ecken fegen lassen. Auch wenn Lund fein gedrechselte Linien voller innerem Kunstsinn aus seiner Halbakustischen zaubert, so ist das Konzert doch ein Paradebeispiel für die Art von künstlicher Intellektualität und Distanz, die dem Jazz bei der öffentlichen Anerkennung häufig im Weg steht. Das beste Beispiel dafür ist ein Stück, das ausgerechnet einen deutschen Titel trägt: „Langsam“ – nomen est omen.

Und dann gibt es sie doch noch, die kleinen Wunder. Am Samstagabend kurz vor Mitternacht war dies wieder mal der Fall. Aus den tiefsten Tiefen der Hofapotheken-Katakomben erhob sich völlig unverhofft ein Stern und strahlte hell leuchtend über ganz Bayern. Der Name des Himmelskörpers ist Fernanda von Sachsen und dürfte nun vor allem deshalb bei vielen Menschen bekannt sein, weil der zweite Teil ihres fulminanten Konzertes live aus dem proppenvollen, restlos begeisterten Jazzkeller übertragen wurde. Die blutjunge Sängerin aus München und ihre grandiose Band agieren wie aus einem Guss und bieten ein Kaleidoskop des alten und des neuen Jazz, das einen schier fassungslos zurücklässt.

Fernanda von Sachsen erzählt voller Inbrunst und erstaunlich intonationssicher Geschichten, sie fühlt dabei jedes Wort und schickt ihr Stimme wie ein vokales Chamäleon durch alle Atmosphären, vom hauchzarten Balladenflüstern bis zu spitzen Avantgarde-Schreien, vom rasanten Bebop-Scat bis zur jiddischen Hochzeitstanz-Rufen. Der perfekte Rausschmeißer für ein mehr als einzigartiges Festival!