Joe Haider Orchestra | 17.01.2026

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Nur er darf das. Einfach mal den Zuschauerraum im Hofapothekenkeller um zwei Tische reduzieren, um dort einen Teil seiner Bläsersektion zu platzieren. Joe Haider nahm schon immer in den vergangenen Jahrzehnten im Neuburger Birdland eine Sonderstellung ein, kam mal mit Streichern, heißen Hardbop-Quintetten oder einfach nur im schlichten Pianotrio. Doch das Ding mit einer Big Band im winzigen Gewölbe mit seinem fein austarierten Sound, wo sensible Ohren schon bei einem einzigen heftigen Drumbeat schmerzverzerrt zusammenzucken – mein lieber Scholli!

1998 traute sich die deutsche Jazzlegende das schon mal anlässlich des 40. Birdland-Geburtstages, als er ein Munich Jazz Orchestra rekrutierte. Mittlerweile ist der Kauz am Piano schon 90 und kommt erneut mit einem zwölfköpfigen Klangkörper in Neuburg vorbei; seinem „Joe Haider Orchestra“.

Und erstaunlicherweise kriegen er und seine elf überwiegend aus seiner Wahlheimat Schweiz stammenden Mitmusiker, die allesamt seine Söhne oder gar Enkel sein könnten, das hin. Die Big Band macht jede Menge Druck, die Saxofone (Dani Blanc, Domenik Landolf, Thomi Geiger) verzieren die Arrangements mit feinen Ornamenten, die Posaunen (Vincent Lachat, Bernhard Bammert, Adrian Weber) schaffen weite Räume, während die Trompeten (Dave Blaser, Daniel Schenker, Bernhard Schoch) eine Etage höher immer wieder mit spitzen, schrillen Stichen in die feine Swing-Wohlfühl-Heimeligkeit einbrechen.

Aber niemand im voll besetzten Keller hält sich die Ohren zu, alles wirkt wohl dosiert und geregelt. Ein Jazzorchester auch einmal in dieser Umgebung erleben zu können, ist schlicht eine Attraktion, auch weil diese Formationen wegen ihrer Größe und der damit einhergehenden problematischen Finanzierbarkeit immer mehr zu den Dinos des Genres mutieren. Welcher Facettenreichtum, welche Klangvielfalt und welch weite Spielwiese für Notensetzer sich dabei ergeben, das kostet Haider genüsslich aus.

Da kann ein reines Bläser-Intro für „Im Getting Sentimental Over You“ in eine fließende, unschuldige Ballade münden und einen fliegenden Teppich für fein geblasene Soli wie der Bassklarinette von Dominic Landolf führen. Oder der tausendfach durchgenudelte Standard „Caravan“, aus dem der alte Brummbär einige neue, noch ungehörte Seiten herauskitzelt. Sein Arrangement der Tizol-Ellington-Nummer brodelt unter der Oberfläche, kocht aber nie über. Auch eine Kunst!

Einbußen gibt es freilich auch, denn die alles beherrschende Frage des Abends lautet: Wie sieht eigentlich der Schlagzeuger aus? Man hört Dominic Egli nur, denn vor ihm hat sich Lorenz Beyeler mit seinem dicken Kontrabass aufgebaut, schließlich muss jeder Quadratzentimeter Platz genutzt werden, gerade weil der Aufbau einer Big Band auf der kleinen Bühne einem organisatorischen Wunderwerk gleichkommt. Aber was da aus dem hintersten Winkel nach vorne dringt, klingt vorzüglich. Egli und Beyeler swingen fein und beharrlich. Und vor allem: sie verbinden unmerklich die einzelnen Pole.

Dann gibt es natürlich noch die altbekannten, aber nie langweiligen Joe Haider-Ansagen. „Mit 60, da gings noch“, sagt er, um nach einer Kunstpause fortzufahren: „Und mit 90 erst recht!“ Ihm gefällt es sichtlich, im Birdland alle Strippen in der Hand zu halten und abermals alle mit seiner Vitalität an den Tasten zu überraschen. Diesmal bleibt vor allem die Schlussnummer „Peace“ von Horace Silver in Erinnerung, in der Haider ein weiches, fast wehmütiges Intermezzo am Flügel zum Besten gibt, bei dem jede fallende Stecknadel die Andacht gestört hätte. Solche Töne hat man von dem inzwischen altersmilden Raubein tatsächlich noch nie gehört!