Dieser Konzerttermin im Birdland Jazzclub kurz vor Weihnachten ist ein ganz besonderer. Seit man sich erinnern kann, ist er Gitarrenduos vorbehalten. Viele Jahre waren Helmut Nieberle und Helmut Kagerer im Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke zu Gast, bevor die Aufgabe, das Publikum des Clubs auf das Fest einzustimmen, dann kurzzeitig dem Duo mit Martin Müller und Alex Kroll und dem mit Paul Brändle und Andreas Dombert zufiel.
In diesem Jahr unterhalten Joe Bawelino und Gige Brunner die Gäste mit einer ganzen Reihe von Standards und Klassikern des Jazz, von denen man die meisten begrüßt wie alte Freunde. „How High The Moon“, „There Will Be Another You“, „Oh Lady Be Good“, „Midnight In Vermont“ – man kennt sie, wenn nicht dem Namen nach, dann zumindest vom Hören, vielleicht nicht in Versionen, die auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten zweier Gitarren zugeschnitten sind, aber doch so gut, dass sie einem eigentlich nichts wesentlich Neues mehr bieten. Und obwohl man sich eigentlich längst satt gehört haben müsste, tun sie doch gut so kurz vor dem Fest, wenn Traditionelles wieder an Bedeutung gewinnt, die Lust auf ständig Neues zumindest kurzfristig etwas nachlässt, im Idealfall die Hektik abnimmt und man allmählich zur Ruhe kommt.
Diese Situation nutzen Bawelino und Brunner aus, und zwar auf ebenso professionelle, charmante, humorvolle wie familiäre Weise. „Wir sind eigentlich eine Tanzkapelle“, sagt Brunner mit einem Augenzwinkern, „und haben überhaupt keine Angst vor Gassenhauern, weil wir die großen Hits vergangener Tage ganz einfach lieben.“ Nicht wenige sind um die 100 Jahre alt – Fat’s Waller’s „Honeysuckle Rose“, „Whispering“ oder Ray Henderson’s „Bye Bye Blackbird“ zum Beispiel – und manche auch ziemlich abgedroschen, aber sie passen ganz einfach in die jahreszeitliche Umgebung und in eine Situation, in der es nicht um musikalische Analysen geht sondern darum, mit ihnen zusammen ein paar schöne, entspannte Stunden zu genießen.
Die beiden Gitarristen haben natürlich Vorkehrungen getroffen, damit der Abend nicht eintönig oder vielleicht sogar langweilig wird. Beide sind hervorragende Gitarristen, Bawelino baut immer wieder unerwartete Querschläger in seine Improvisationen ein, Brunner punktet als humorvoller Conferencier und ist der Lateinamerika-Spezialist an diesem Abend, integriert Luiz Bonfá und Antonio Carlos Jobim, Bossa Nova und Samba in die Setlist. Beide wechseln sich als Begleiter und Solisten ab, die Kommunikation innerhalb des Duos ist traumhaft sicher und bisweilen hat man den Eindruck, als säßen da nicht zwei Musiker, die insgesamt 12 Saiten bearbeiten, auf der Bühne, sondern ein ganzes Ensemble.
Trotz all der Gelassenheit und der Ausgeglichenheit, die Musik und Musiker gleichermaßen ausstrahlen, trotz der Ruhe und der Entspanntheit, die über der Szenerie liegt und obwohl der Abend so gar nichts vordergründig Spektakuläres an sich hat, zeigen die altehrwürdigen Stücke Wirkung, denn drei Zugaben kommen selbst beim Birdland-Publikum selten vor. Man ist kritisch, aber man zeigt auch deutlich, wenn einem etwas gut gefällt. So wie das Konzert von Joe Bawelino und Gige Brunner im Besonderen und die Birdland-Tradition vorweihnachtlicher Gitarren-Duos im Allgemeinen.

