Fernanda von Sachsen Quartett | 22.11.2025

Donaukurier | Karl Leitner
 

Draußen vor dem Birdland Jazzclub stehen zwei LKW des Bayerischen Rundfunks. Die Crew des ersten zeichnet auf, was im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke und in dem darüber eingerichteten Studio geschieht, die des zweiten schickt es per Satellit via BR-Klassik und Bayern 2 vier Stunden lang rund um den Globus. Mehr Aufsehen und mehr Publikum – man kann durchaus von zigtausend Menschen ausgehen – kann sich ein kleiner Club, in den gerade mal knapp 100 Leute passen, nicht wünschen. Das Birdland Radio Jazz Festival macht es möglich. Seit mittlerweile15 Jahren.

Nach sieben Konzerten in den vergangenen Wochen endet es mit einem echten Paukenschlag. Traditionsgemäß ist der letzte Konzerttermin einer jungen, aufstrebenden Band vorbehalten, dessen erstes Set mitgeschnitten wird, während das zweite komplett und live über den Äther geht. Das ist auch diesmal so, nur hätte vermutlich niemand gedacht, welch großartigen Eindruck das Fernanda von Sachsen-Quartett aus München dabei hinterlassen würde. Im Zentrum stehen auf völlig unorthodoxe Weise interpretierte Standards und Eigenkompositionen einer Frontfrau, der stilistische Belange dermaßen egal sind, dass man quasi fast mit allem rechnen muss und darf. Sie flüstert und rappt, ist Chanteuse und Sirene, setzt Sprechgesang ein, benutzt ihre Stimme als zusätzliches Instrument mit eigener Klangfarbe, verrührt all das zusammen mit einem Kunstlied Robert Schumanns, jüdischen Klagegesängen und Elementen des Pop auf geradezu hinreißende Weise zu einer Art Jazz-Hörspiel und verpasst dem Konzept mit dezent eingesetzten Geräuschen wie dem Rauschen eines Ultraschallgeräts oder eines tropfenden Wasserhahns noch den letzten Schliff.

Wobei Schliff nicht Glätte bedeutet. Nichts ist hier glatt, im Gegenteil, Sängerin und Band gehen mit purer Lust ans Werk, die auch sofort aufs begeisterte Publikum überspringt, mit Unbekümmertheit und mit ganz viel Können. Wie weit von Sachsen, deren Stil von den Traditionen des Vokal-Jazz ebenso geprägt ist wie von ihrer klassischen Ausbildung, Pianist Pablo Struff, Sebastian Claas am Kontrabass und Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei in ihren musikalischen Werdegang als Band bereits fortgeschritten sind, obwohl sie noch nicht mal eine eigene CD vorweisen können, belegen ihre eigenen Stücke, von denen man hoffentlich möglichst viele auf dem geplanten Tonträger wiederfinden wird. Melodien voller Poesie, ausdrucksstarke Harmonik und markante Rhythmen sind deren Markenzeichen und Songs wie „Outside Land“ oder „Would You Say The Same If I Were A Man“ sind echte Volltreffer.

Die Band nutzt die Gunst der Stunde, legt einen überragenden Auftritt hin, und freut sich sichtlich auch selbst über den gelungenen Coup. Sie ist eindeutig die große Überraschung des Festivals, das doch so prall gefüllt war mit guter Musik verschiedenster Couleur, eines Festivals, das exemplarisch und in komprimierter Form die vielfältigen Spielformen des Jazz aufzeigte, eines Festivals, das nicht nur sich selbst, die Musiker und den Birdland Jazzclub per Radio weltweit bekannt macht, sondern auch die Stadt Neuburg. Als immens effektiver Werbeträger nämlich, der die Kommune keinen Cent extra kostet. Die Künstler für das nächste Jahr sollen, wie man hört, bereits größtenteils gebucht sein.