Christian Elsässer Quintett | 28.02.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Eine Familie, zwei Er­wachsene und drei Kinder, zieht aus der Großstadt aufs Land. Da ist es durchaus sinnvoll, den sich daraus ergebenden Wandel, die Veränderungen und all die neuen Eindrücke zu dokumentieren. Der eine führt Tagebuch, der andere tut das mit der Kamera oder dreht zu Erinne­rung diverse Videos. Christian Elsässer fasst den Prozess des Umzugs in Töne, schreibt elf Stücke darüber, fasst sie zu einem Album zusammen, das er „The Move“ nennt, stellt eine Band auf die Beine, geht damit auf Tour und lässt an diesem Abend auch die Besucher des Birdland Jazzclubs in Neuburg teilhaben an seinen Umzug von Schwabing ins Chiemgau.

Elsässer hat eine Professur für Kompo­sition und Jazz-Piano an der Hochschule für Musik und Theater in München inne, hat mit Dee Dee Bridgewater, Kurt El­ling und Mike Stern gearbeitet und mit allen vier deutschen Rundfunk-Bigbands (WDR, HR, NDR, SWR) und gilt mit gerade mal 42 Jahren als eine der vielsei­tigsten Stimmen des jungen europäi­schen Jazz. In Neuburg entwirft er zu­sammen mit seinen Kollegen Niels Klein am Tenorsaxofon, Tim Collins am Vibra­phon, Henning Sieverts am Kontrabass und Fabian Arends am Schlagzeug Stimmungsbilder, emotional aufgeladene Momentaufnahmen vom „Morgentau“ am See, in „Birds“ von kleinen Kindern am Spielplatz, die zwischen Spatzen her­umspringen, mit ihren Puppen namens „Lisa & Lilli“ spielen und anschließend erschöpft in die Kissen sinken, akustisch kommentiert von einer Komposition mit dem schlichten Titel „Wiegenlied“.

Doch der Mann, der vom Klavier aus Regie führt, ist nicht nur Papa, sondern auch Tüftler. Für sein Stück „Short Sto­ries No. 2“ wählte er ganz bewusst die Vorgabe, dass alle dafür nötigen Noten unbedingt auf ein einziges Notenblatt passen sollten. Für „Kanon“ mussten nacheinander und in genau dieser Rei­henfolge Bass, Vibrafon, Saxofon und Klavier mit der gleichen Melodie ins Ge­schehen eingreifen, und zwar exakt nach 14 Takten. Dass sich daraus ein weiteres Stück in Elsässers typischem Duktus, zu dem Wärme und Weichheit ebenso gehö­ren wie kompositorische Finessen und der Wagemut eines erfahrenen Arran­geurs, der durchaus auch mal eine Kom­position für ein Quintett einrichtet, als hätte er eine Big Band vor und um sich herum. Da passt es auch ins Bild, dass mittendrin Johann Sebastian Bach auf­taucht und am Ende in der Zugabe sogar ein Walzer namens Country-Quintett. Womit sich der Kreis zur Familie aber­mals schließt.

Manchmal fühlt man sich vom Sound her ein klein wenig an Gary Burton’s ECM-Aufnahmen mit Eberhard Weber und Rainer Brüninghaus erinnert, weil Piano, Kontrabass und Vibrafon für eine ganz eigene klangliche Facette stehen, manchmal kommen sich kammermusika­lischer Minimalismus und eine fiktive Big Band im Hinterkopf ziemlich nahe und mitunter würde auch der Begriff Konzept-Jazz greifen. Aber solcherlei Versuche der Etikettierung mögen zwar der Beschreibung wegen nützlich sein, sagen aber wenig aus über das Gesamt­empfinden angesichts einer Sammlung wie „The Move“. Die ist intellektuell und ausgetüftelt, ja, aber auch emotional, liebevoll und sehr persönlich. Und wird auch noch schön portioniert, überlegt do­siert, einfühlsam mit George Shearing’s „Conception“ garniert und kompetent präsentiert. Was für ein schöner, interes­santer und bereichernder Abend.