60 Jahre Birdland Jazz Club Neuburg

 

60 Jahre Birdland Jazz Club Neuburg
Artikel von Reinhard Köchl,
erschienen am 18. Mai 2018 in der „Neuburger Rundschau“

 

Und Diktaturen funktionieren doch! Behaupten mit einem Augenzwinkern zumindest einige, die sich in und um den Birdland Jazzclub Neuburg herum auskennen. Dabei kommt ihnen weniger der Name Kim Jong Un in den Sinn, als vielmehr der von Manfred Rehm. „Sein“ Birdland gibt es allen real existierenden Statistiken, pessimistischen Prognosen, zeitgeistigen Trends und eilfertigen Grabreden zum Trotz nach wie vor. Dass der gemeinnützige Verein in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiern kann, liegt in erster und auch in letzter Linie an ihm. Und dem Diktatoren-Vergleich widerspricht Rehm nicht einmal. Er steht nur schweigend da und lächelt.

Die Frage sei erlaubt: Wo wäre das Birdland mit seinen rund 250 zahlenden Mitgliedern tatsächlich, wenn der Club in der Vergangenheit wie ein ganz normaler Verein geführt worden wäre? Keinesfalls da, wo er heute steht! Mancher behauptet gar, dass es ihn wahrscheinlich gar nicht mehr gäbe. Natürlich braucht es wie überall im deutschen Vereinswesen eine Vorstandschaft, um die Gemeinnützigkeit nicht in Frage zu stellen. Aber die gewählten Birdland-Funktionsträger wissen alle um ihre Rolle, halten sich diskret als stille Genießer im Hintergrund und agieren nur, wenn er große Vorsitzende es verlangt. Denn ausschließlich Manfred Rehm hält die Fäden in einem der ältesten Jazzclubs Deutschlands in der Hand. Es ist sein Lebenswerk, an dem er seit 1958 bastelt, das er durch viele Tiefen bis heute begleitet und dessen Höhen er seit einigen Jahren mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. „Ich wusste immer, dass unsere Zeit irgendwann kommen würde“, reflektiert Rehm die Sisyphusarbeit seit der Vereinsgründung, an der er als 16-jähriger selbst beteiligt war.

Er sagt „unsere“ und „wir“ und meint damit tatsächlich den Club, die durchaus beachtliche Familie der Enthusiasten, die ihm zuarbeitet und es geschafft hat, den Jazz in einer bayerischen Kleinstadt zu etablieren, sie sogar zu einer der ersten Adressen Europas aufsteigen zu lassen. Allerdings kann man es ruhig auch als Pluralis Majestatis verstehen. Manfred Rehm hatte schon immer eigene Vorstellungen, wie die Sache in Neuburg ablaufen sollte. Hineinreden ließ er sich nie, weder von übereifrigen Mitgliedern, wenn diese es wagten, in den maximal 20 Minuten dauernden Jahreshauptversammlungen auf ihre demokratischen Rechte zu pochen und bei der Programmgestaltung mitreden wollten, oder aber Labelbossen, die das Birdland mittels einer Spende ziemlich plump für ihre Zwecke okkupieren wollten. „Die Eigenständigkeit ist unser wichtigstes Ziel und die Qualität der einzige Maßstab“, lautet deshalb sein Erfolgscredo.

Rehm entwickelte über all die Jahrzehnte hinweg ein Kämpferherz, das gerade in der Kultur unabdingbar scheint, um eine Sache, von der man überzeugt ist, voranzutreiben. In den wilden Anfangsjahren war er als staunender Teenager mit am Start, sog begierig alles auf, was sich da in Neuburg zusammenbraute. Eine Handvoll vom AFN infizierter junger Menschen aus Neuburg hatte da beschlossen, „sich vom Rock`n`Roll sowie anderen Radaufabrikaten zu distanzieren“ (Auszug aus der Neuburger Rundschau), aber auch dem eigenen Protest gegen das Spießbürgertum der Nachkriegsära auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Jazz hieß die Losung; damals hochaktuell, „dufte“ und vor allem renitent genug, um jede Menge Widerhaken ins gesellschaftliche Fleisch zu schlagen. Als der legendäre Posaunist Albert Mangelsdorff 1962 zum ersten Konzert in den pittoresken Flecken zwischen Ingolstadt und Donauwörth kam, entbrannte ein regelrechter Glaubenskrieg zwischen reaktionären Klassik-Liebhabern und aufmüpfigen Bebop-Fans. Rehm hat die Leserbriefe alle aufgehoben.

Selbst als die erste Euphorie um 1965 herum verflog, die Vereinsaktivitäten allmählich zum Erliegen kamen und der Gründungsvorsitzende Helmut Viertel nach Burghausen versetzt wurde (wo er kurz darauf die „Burghausener Jazzwoche“ ins Leben rief), hielt der Vermessungsbeamte das Fähnlein aufrecht. Das Birdland hatte jedoch längst keine Heimat mehr, weil die Kleinstadt-Gastronomen den ungeliebten Verein von Lokal zu Lokal schubsten. Ein Zustand, den Manfred Rehm erst 1985 mit dem Neustart in der „Schönen Aussicht“ beenden konnte, ausgerechnet zu einer Zeit, da das große Jazzclub-Sterben wie eine Seuche grassierte. Einrichtungen dieser Art galten als völlig unwirtschaftliche Brutstätten einer kulturellen Minderheit. Wer will da schon einen Jazzclub? Rehm wollte einen. Mit aller Macht.

Für ihn hieß das: Die Zähne zusammenbeißen, auch wenn sie längst über einen zu lächeln begannen. Manfred Rehm schaffte es, weil er über einen geradezu beneidenswerten stoischen Gleichmut verfügt. In Sachen Quartier führte er den Dauerbrenner Anfang 1991 zu einem Traum-Happyend. Seither residiert der Birdland-Jazzclub in einem bei Renovierungsarbeiten freigelegten Kellergewölbe der ehemaligen pfalzgräflichen Hofapotheke in der Altstadt, einem Ambiente, über das Musiker aus den Vereinigten Staaten sowie Besucher regelmäßig ins Schwärmen geraten. Ein Erfolg, den er wie immer im Alleingang erzielte. „Damit konnte ich mir einen Jugendtraum erfüllen: eine Veranstaltungsstätte, die es mit den großen Jazzclubs in New York aufnehmen kann. Aber von da an begann die eigentliche Arbeit.“

Konzerte zu veranstalten, mag die eine Sache sein. Einen langen Atem zu haben, ein Stammpublikum zu generieren und den Namen des Birdlands fest im Bewusstsein der Jazzfans zu verankern, eine andere. Rehm suchte und fand Alleinstellungsmerkmale, die Neuburg von anderen Einrichtungen dieser Art unterscheidet. Der Flügel beispielsweise, ein Bösendorfer Grand Piano 200, den Oscar Peterson höchstpersönlich aussuchte. Dazu die Veranstaltungsreihe „Art Of Piano“, die vor wenigen Tagen ihre 200. Auflage mit dem Trio des Pianisten Joe Haider erlebte. Für den Automobilhersteller Audi organisiert er im benachbarten Ingolstadt seit 17 Jahren regelmäßige Konzerte. Außerdem gilt der Club als Vorreiter bei der Bekämpfung eines überaus gesundheitsschädlichen Jazzklischees: Einige Jahre, bevor Bayern 2010 ein entsprechendes Gesetz erließ, gab es im Birdland bereits rauchfreie Konzerte. Seit 2011 kooperiert Rehm mit dem Bayerischen Rundfunk, der jährlich aus Neuburg das „Birdland Radio Festival überträgt“. Und anlässlich des runden Geburtstages gibt es ab 27. Mai fünf Wochen lang im Fürstengang des Neuburger Schlosses eine große Fotoausstellung mit den eindrucksvollsten Motiven aus sechs Jahrzehnten.

Bei all dem geht es dem Mann, den sie in Neuburg längst respektvoll „Impresario“ nennen, ausschließlich darum, in anderen Menschen dasselbe Feuer zu entfachen, das ihn selbst vor 60 Jahren entflammen ließ und noch immer lichterloh brennt. Sein Ruf als seriöser, großzügiger Veranstalter mit Herzblut eilt ihm bis in die USA voraus, wo Weltstars wie John Scofield nicht müde werden, das Birdland Neuburg als „einen der besten Clubs weltweit“ zu preisen.

Das „System Rehm“ mag unorthodox und anachronistisch wirken. Doch jeder ertrug es bislang geduldig, keiner murrte. Das Modern Jazz Quartet ebenso wenig, wie Stars wie Stéphane Grappelli, Michel Petrucciani, Joe Pass, Jimmy Giuffre, Elvin Jones, Charlie Haden, Esbjörn Svensson, Cecil Taylor, Enrico Rava, Diana Krall, Charles Lloyd, Lee Konitz, Dave Brubeck, Michael Wollny, Till Brönner, Gerry Mulligan oder Musiker aus der einheimische Szene, die ebenso ihre Auftrittsmöglichkeiten bekommen. Das eigentliche Verdienst Rehms besteht darin, das Schreckgespenst des chronischen Draufzahlgeschäftes außen vor zu halten. Schlau nutzt er ortsspezifische Besonderheiten wie zum Beispiel die Jazzleidenschaft des Geschäftsmannes Fritz von Philipp, der Kulturmäzenatentum alter Schule betreibt. Auch die jahrzehntelange Unterstützung der Stadt Neuburg hält den Jazz-Dampfer weiter auf Kurs, selbst wenn der Anteil der einheimischen Besucher allenfalls bei zehn Prozent liegt. „Der große Rest kommt von auswärts, aus Augsburg, München und Ingolstadt, bei besonderen Konzerten sogar aus anderen Bundesländern. Wir sind mittlerweile ein keineswegs unwesentlicher touristischer Faktor für die Stadt“, bilanziert der Club-Chef.

Bliebe nur noch die Frage, wie es mit dem Jazz in der Donaustadt weitergehen soll. Rehm ist inzwischen 76, topfit und noch voller Pläne und Ideen, die er in gewohnter Manier entweder allein in die Tat umsetzt oder an seine willfährigen Helferlein in freundlichem Befehlston weitergibt. Widerspruch zwecklos. „Meine Nachfolge wird auf keinen Fall mehr ehrenamtlich funktionieren können. Dazu ist der Zeitaufwand einfach viel zu groß“, hat der Birdland-Tribun erkannt. Schon allein deswegen gibt es eigentlich nur eine Lösung: Lang lebe die Diktatur des Swing!