Donaukurier | Karl Leitner
Beide verfügen über betörende Stimmen, beide sind exzellente Pianistinnen, beide sind stilistisch enorm vielseitig. Dass die Australierin Sarah McKenzie deswegen immer wieder mit der Kanadierin Diana Krall verglichen wird, ist verständlich, aber dennoch nur die halbe Wahrheit. Erstere komponiert mehr, gibt an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg ein Konzert, das eindeutig zu den Highlights der Saison gehört und sorgt für begeisterte Ovationen, die es auch für die Krall einst an gleicher Stelle gab, nur ist das ziemlich genau 30 Jahre her.
Eigentlich präsentiert das Konzert McKenzies zwei Stars. Sie selber und Ulf Wakenius, der etliche Jahre bei Oscar Peterson gespielt hat und heute zu den führenden Jazz-Gitarristen weltweit gehört. Hinter ihnen steht eine Backline, die es wahrlich in sich hat und weit mehr ist als lediglich eine Rhythm-Section, denn Drummer Sebastiaan de Krom (Wynton Marsalis, Jamie Cullum) und Kontrabassist Pierre Boussaguet (Monty Alexander, Diana Krall) sind unverzichtbarer Teil des Konzepts, in dem es um Singer/Songwiter-Swing, um Bossa Nova und betörende Balladen geht, um eine Bandchefin, die zwar die Fäden zieht und im Mittelpunkt steht und ohne die es dieses außerordentliche Quartett nicht gäbe, die aber immer Teil der Band bleibt, Musikerin, Sängerin, Arrangeurin, nie eine Diva, die auf das alleinige Rampenlicht pocht.
Der Abend ist eine echte Offenbarung und reich an Highlights. Das bekannte „Girl From Ipanema“ ist im Mittelteil völlig unerwartet und zeitversetzt auf dem Dancefloor unterwegs, mit „Paris In The Rain“ im Kopf möchte man sich als Zuhörer augenblicklich auf einen Spaziergang entlang der Seine begeben, auch wenn das Wetter nichts taugt, bei „Schneller!“ jagt man mit der kompletten Band über eine Autobahn, träumt bei „Corcovado“ am Strand von Rio und findet sich bei „The Secrets Of My Heart“ plötzlich im Umfeld des großen Michel Legrand wieder, dem das Stück nicht umsonst gewidmet ist. Und bei Jobim’s „Once I Loved“ geht McKenzie dann volles Risiko. Nur ihre Stimme und ein paar begleitende Figuren auf der Gitarre. Das ist Gänsehaut pur. Das ist Magie.
Wakenius ist kongenialer Partner, begnadeter Solist und ein Meister des Zitats. Mit Augenzwinkern arbeitet er Oscar Peterson, Rimski-Korsakow’s „Hummelflug“ und die Beatles in seine Soli ein und liefert sich mit McKenzie’s variantenreichen Piano-Läufen ein ums andere Mal Duelle, die belegen, dass es hier zwar einerseits fortwährend um kompakte Songstrukturen und auskomponierte Abschnitte geht, aber eben auch um die Lust an der Improvisation, um rhythmische Herausforderungen wie Dave Brubeck’s „Blue Rondo A La Tark“ und „That’s It! I Quit!“, aber auch um Balladen wie „Secrets Of My Heart“.
Was für ein denkwürdiger Abend, was für außergewöhnliche Musik, welch hinreißende Songs und was für eine herausragende Band. Für die kurze Zeitspanne knapp vor dem Ende des Konzertjahres 2025/26 im Birdland scheint Clubchef Manfred Rehm noch einmal alle Register gezogen zu haben. Zur Überbrückung der Sommerpause sozusagen. Mit dem hervorragenden Quartett rund um Sarah McKenzie im Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke an diesem Abend und mit dem Gastspiel des Jeff Hamilton Trio am Dienstag im Stadttheater Neuburg, dem letzten Kracher der Saison.
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
Das Finale beginnt mit einem Feuerwerk. Das mag ungewöhnlich anmuten, aber wenn Ulf Wakenius, der letzte Gitarrist des großen Oscar Peterson, in die Saiten seiner Benedetto-Bambino-Gitarre greift, dann besitzt das dieselbe Wirkung, als ob jemand die Tür eines Raubtierkäfigs offengelassen hätte. Ein irres Solo auf Gerry Mulligans „Bernieʼs Tune“, dann noch eines, im rasenden Tempo die Tonleiter rauf und runter – um solch ein Intensitätslevel vorzuglühen, brauchen andere mitunter zwei Stunden.
Doch der 68-jährige Schwede ist beileibe nicht die einzige Attraktion an einem fürwahr denkwürdigen Abend im restlos ausverkauften Hofapothekenkeller, mit dem der Birdland-Jazzclub eine abermals höchst erfolgreiche Saison abschließt. Ab Song Nummer zwei erscheint Sarah McKenzie, authentisch, charmant und nahbar. Ein Zuschauermagnet in Montreux, New York ebenso wie in Neuburg, eine unspektakulär strahlende Frau, die geschickt in die Lücke stößt, die Diana Krall seit Jahren offenlässt. Mrs. McKenzie ist zwar ebenfalls blond – wonach man niemanden beurteilen sollte – aber völlig anders. Besonders auffallend: Die 38-jährige Australierin bewegt ihre Finger auf derart faszinierende Weise über die Tasten des Flügels, dass sie auch ohne Gesang wahrscheinlich mühelos die Karriereleiter nach oben hätte stürmen können. Ihr Spiel ist bluesig, perlend, süffig und geradezu sensationell swingend. Zumindest in dieser Hinsicht hat sie die Krall längst überflügelt.
Auch mit ihrer intonationssicheren Stimme, die sich auf der Emotionsskala zwischen kleinem Mädchen und Vamp bewegt, strahlt sie jede Menge wohlige Wärme aus. Jeder spürt, dass es Sarah McKenzie liebt, gesungene Geschichten zu erzählen. Über ihren Höhen („I Fell In Love With You“) oder die tiefsten Tiefen („Thatʼs It, I Quiet, Iʼm Movinʼ On“ von Sam Cooke), vom Abschiednehmen („I Wish You Love“ von Charles Trenent) oder der Liebe zu Paris oder Brasilien. Das Hinreißende dabei: Antônio Carlos Jobims „Corcovado“ („Quiet Nights“) und natürlich das unvermeidliche „Girl From Ipanema“ klingen bei ihr nicht wie aus dem Samba-Gemischtwarenladen. Sie serviert entweder entschleunigte Zeitlupenfassungen, oder überraschende Wechselspiele, bei denen vor allem Wakenius völlig unvermittelt die Gangart wechselt und den Blues wie Phoenix aus dem Sand der Copacabana auferstehen lässt.
Sarah und Ulf bilden sowieso ein musikalisches Dreamteam, versetzen den Keller in atemlose Stille mit ihrem leisen, gehauchten, sensationellen Duett in „Once I Loved“. Sie flüstert, er berührt die Stahlsaiten wie ein Schmetterling, die Luft in den Katakomben wirkt fast statisch aufgeladen von so viel Magie, in der jeder Ton zählt, jede Pause, jeder Schnaufer. Ein Traum in Jazz! Ein anderer Knaller ist „Road Chops“ – keine Atempause, Birdland-Geschichte wird gemacht! Sie duellieren sie sich in dieser höllisch groovenden Hardbop-Nummer, bei der es beim genauen Hinhören nicht um einen Kampf, sondern um ein kongeniales Miteinander geht. Wakenius darf noch zwei halsbrecherische Alleingänge mit Nummern seines Mentors Oscar Peterson („Too Late Now“ und „Blues For O. P.“) platzieren, McKenzie kontert mit einem zauberhaften, melancholischen Solo auf „Dindi“.
Es gibt noch ein völlig verrücktes, weil immer wieder die Tempi wechselndes „Blue Rondo À La Turk“ und die Gewissheit, dass der Abend auch durch den feinen, geschmackvollen Bassisten Pierre Boussaguet mit seinem warmen Ton sowie dem variantenreichen, aber in seinen Soli stets schmerzlich lauten Drummer Sebastian De Krom (selbst seine Mitmusiker hielten sich die Ohren zu) lebt. Die Melange für ein fast perfektes, strahlendes Finale voller spektakulärer Kracher!
Donaukurier | Karl Leitner
„Ella, Shirley, My Father And I“. – Die Sängerin Nina Plotzki hat ihr neues Programm nicht umsonst ausgerechnet so benannt, denn schließlich wurde sie geprägt von Ella Fitzgerald, Shirley Horn und all den anderen Favoriten ihres jazzbegeisterten Vaters. Ohne diesen Hintergrund wäre sie vermutlich nicht selber zu der Jazzsängerin geworden, die an diesem Abend zusammen mit ihrer All Star Band auf der Bühne des Birdland Jazzclubs in Neuburg steht, um ihr Publikum einzuladen zu einer musikalischen Zeitreise zurück zu den Anfängen ihrer persönlichen Vita.
Die Basis dafür ist das Album „Girl Talk“, das der berühmte Oscar Peterson 1968 für das legendäre, in Villingen im Schwarzwald ansässige, MPS-Label eingespielt hat. „Robbin’s Nest“, „On A Clear Day“ und der Titelsong daraus sind denn auch die Eckpunkte des Programms, das angereichert wird durch Standards wie „Social Call“ und John Lewis‘ „Little Unhappy Boy“, Balladen wie „Abbey“ über die berühmte Sängerin und Aktivistin Abbey Lincoln, deren Foto auch im Birdland an der Wand hängt, und „Wild Is The Wind“, das einst Johnny Mathis, aber auch Nina Simone sangen. Und dann ist da noch „Sweet Lorraine“, das Nat King Cole seinerzeit zum Hit machte, und Nina Plotzki im intimen Duo mit dem Kontrabassisten Darryl Hall zum Höhepunkt des Abends werden lässt.
Plotzki ist eine erfahrene Sängerin, die ganz genau weiß, wie man Show und Authentizität verknüpft, Entertainment und Natürlichkeit verbindet, echt wirkt und mit Herz singt, aber auch auf Wirkung bedacht ist. Nicht umsonst hat sie für das neue Programm mit Hall, dem Pianisten Vincent Bourgeyx, dem Drummer Jason Brown und dem Tenorsaxofonisten Dave O’Higgins eine hochkarätige englisch-französisch-amerikanische Band engagiert, die die Erwartungen denn auch erfüllt. O’Higgins setzt mit seinem kraftvollem, intensivem Ton Akzente, Bourgeyx tut selbiges verspielt, eher subtil, ideen- und variantenreich, und die Backline schafft das tragfähige Fundament dafür. Diese Band mit all ihrer Erfahrung arbeitet solide, das steht außer Zweifel, aber es gibt auch Momente, in denen nicht alles völlig rund läuft, die Feinheiten nicht komplett abgestimmt sind, was besonders auffällt, als kurz vor dem Intro zu „Ella, Shirley, My Father And I“, dem Stück, das der Show den Namen gibt, erst noch ein paar Einzelheiten zum Ablauf untereinander abgeklärt werden müssen. In solchen Situa-tionen ist es vorteilhaft, eine Band im Rücken zu haben, die nicht nur brillieren, sondern im Notfall auch kaschieren kann, eine gute Band, die auch ohne eine zentrale Figur wie Plotzki funktionieren würde, ohne die aber – was für jede Frontfrau und jeden Frontmann gilt – die Person im Rampenlicht sich schwer täte.
In der Regel ist eine Stimme weit besser als ein Instrument geeignet, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Das weiß auch Nina Plotzki, die mit den Leuten im Saal redet, aus ihrer Vita erzählt und ihre Bühnenpräsenz ausnutzt. Dies führt schließlich zu einer Zugabe, die rein gar nichts zu tun hat mit Ella, Shirley und all den anderen, sondern mit ihrer Rolle als Chansonette und „De Tout Mon Coeur“ und einer ganz anderen Sparte, in der es aber ebenso auf Herz, Ausstrahlung, Authentizität, Bühnenpräsenz und Show ankommt und auf die richtige Dosierung all dieser Ingredienzen.
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
Ein Großteil der Besucher im voll besetzten Birdland-Jazzkeller war diesmal wohl vor allem wegen der Sängerin Nina Plotzki gekommen. Diese dunkel gefärbte, latent verführerische und voluminöse Stimme in einer ganz eigenen Hommage an große Jazz-Interpretinnen wie Ella Fitzgerald oder Shirley Horn zu hören, das versprach einen besonderen Konzertgenuss.
Plotzki kündigte sich, mit etwas Selbstironie, als „Nina und ihre Jungs“ an. Kann man etwas flapsig so formulieren. Aber das geht am Kern dieses bemerkenswerten Abends haarscharf vorbei. Da war nicht eine Chefin mit vier sehr guten Begleitern oder Assistenten am Werk. Die wirklich aufregenden Momente, die musikalische Tiefe und eine nicht selten hinreißende improvisatorische Qualität kamen eher von den „vier Jungs“ über die Rampe als von der Bandleaderin und Sängerin Nina Plotzki. Bei Vincent Bourgeyx (Klavier), Dave O’Higgins (Saxofon), Darryl Hall (Bass) und Jason Brown (Schlagzeug) kann man wirklich von „All Stars“ sprechen.
Die vier Instrumentalisten sind Vollblut-Jazzer auf internationalem Spitzenniveau. Sie können die Sängerin, wenn sie etwa die Ballade „Wild is the Wind“ oder den Song „Voice like an open Sky“ mit lyrischer Intensität und starker Emotion aussingt, elegant und mit einer lächelnden Leichtigkeit begleiten. In diesen Passagen zeigt sich zum Beispiel, was ein zurückhaltender, um die Fallstricke der Dynamik wissender Schlagzeuger wie Jason Brown wert ist. Und ein Pianist wie Vincent Bourgeyx der den noblen Sound des Bösendorfer-Flügels wie eine zweite Gesangsstimme zelebriert.
Der Saxofonist Dave O’Higgins, vom Habitus her der perfekte britische Gentleman und musikalisch vom ersten Ton an eine kleine Offenbarung, macht mit dem lässig hochkonzentrierten Bassisten Darryl Hall ein tolles Quartett vollzählig. Diese Vierergruppe führt auf die schönste Weise vor, was die nur scheinbar so einfache Kunst des Begleitens bedeuten kann. In diesen Momenten wurde klar, was da bei größeren solistischen Passagen noch kommen könnte.
Und es kam Großes. In Titeln wie „On a clear day“ stellt O’Higgins ein nicht technisch, aber musikalisch atemberaubendes Solo in das Kellergewölbe, mit sprühender improvisatorischer Lust und mit einer sonoren, weichen, betörenden Tongebung. Und das ohne Brimborium. In kerzengerader Haltung – aber eben nicht steif und kühl, sondern anrührend und fast betörend. Ein ähnlicher musikalischer Typus ist mit Vincent Bourgeyx am Flügel zu Gange. Auch er verzichtet auf turnerische Übungen oder exaltiertes Minenspiel, er entwickelt seine hoch kreativen, oft frappierenden Exkursionen über die 88 Tasten hinauf und hinunter aus einem nicht hell auflodernden, dafür aber kontinuierlich wärmenden inneren Feuer heraus.
Diese Qualitäten sind in Songs wie „Two for the World“ oder „The social call“ und „Love me, love me“zu erleben. Die Sängerin Nina Plotzki kann auf diesem musikalischen Fundament wie auf einem edlen Teppich schreiten, sie wird von ihren vier Jungs wenn man so will auf Händen getragen. An Vielfalt der Klangfarben, der Stimmführung und der emotionalen Abstufungen bleibt sie jedoch ein Stückchen hinter den Instrumentalisten zurück, die meisten ihrer Lieder bewegen sich – bei durchaus starker Qualität – in einer nicht sehr weitgefassten Bandbreite der sängerischen Möglichkeiten.
Was eine absolute Gleichwertigkeit auf Topniveau hervorbringen kann, auch das war an diesem Abend zu hören. Die zu Herzen gehende Ballade „Sweet Lorraine“ im Duo zwischen Kontrabass und Sängerin war ein Höhepunkt dieses Jazz-Events. Eine berührende musikalische Geschichte, im traumhaft sicheren Zusammenwirken von menschlicher Stimme und Kontrabass-Sound. Cantabile und dolce in perfekter Ausführung.
Donaukurier | Karl Leitner
Es gibt Musiker, die hat man einfach nicht auf dem Schirm, weil ihre Aktivitäten hauptsächlich unterhalb des öffentlichen Radars stattfinden. Vielleicht liegt es daran, dass sie ganz einfach zu den Stillen im Lande gehören, ihnen jegliches Spektakel fremd ist. Oder weil sie wie Osian Roberts aus einem Umfeld kommen, das man so gar nicht mit Jazz in Verbindung bringt. Der lebt in der walisischen Hauptstadt Cardiff und gilt als einer der auffälligsten Tenorsaxofonisten des Vereinigten Königreichs. Nur bekommt man das auf dem Kontinent viel zu wenig mit.
Fragt man Roberts nach seinen musikalischen Helden, fallen die Namen Cannonball Adderley und John Coltrane und deren gemeinsames Album „The Cannonball Adderley Quintet in Chicago“, Sonny Rollins und Charly Parker. Mit deren Werk hat er sich ausgiebig beschäftigt, aus deren Federn und aus deren Zeit stammen die bekannten und nicht selten weniger bekannten Stücke seiner Setlist, aus ihnen hat er seinen großen, markanten, ehrlichen Ton entwickelt, der bei Cedar Walton’s „Turquoise Twice“ an ein Nebelhorn erinnert und bei Johnny Mandel’s „The Shadow Of Your Smile“ einem förmlich ins Herz sickert und einem damit die ganze Breite seiner Möglichkeiten eindrücklich vor Augen führt. Roberts ist ein Spezialist darin, all das, was man üblicherweise mit den großen Labels wie Blue Note, Contemporary, Riverside oder Prestige verbindet, auf seine Art auf die Bühne zu bringen und dabei eine eigene Linie zu entwickeln.
Unterstützt von seiner bestens auf ihn eingestellten Band mit Julian Schmidt am Flügel, Giorgos Antoniou am Kontrabass und Michael Keul am Schlagzeug, liefert er nicht nur grundsolides Handwerk unter besonderer Berücksichtigung der Ära des Hard Bop, sondern verlässt an diesem Abend die Kategorie „Geheimtipp“ und wechselt hinüber in die mit der Überschrift „Entdeckungen des Jahres“. Wobei ihn natürlich auch das Repertoire des Abends unterstützt, das Klassiker wie Duke Ellington’s „Satin Doll“ und Cole Porter’s „Just One Of Those Things“ ebenso umfasst wie Charlie Parker’s „Dewey Square“, Tom McIntosh’s „Cup Bearers“ oder Billy Strayhorn’s „The Intimacy Of The Blues“, also auch Stücke, die man wahrlich nicht nicht jeden Tag hört.
Optimal ins Geschehen eingebettete Soli aller Beteiligten, weite Spannungsbögen, klar umrissene Strukturen, dazu dieser Saxofon-Ton, auf dem man Häuser bauen könnte – das sind die signifikanten Merkmale dieses Konzerts, in dem nie das musikalische Erbe angefochten, nie der Ausgangspunkt oder die Basis in Frage gestellt werden, das aber zeigt, was dennoch alles innerhalb abgesteckter Grenzen möglich ist. Und so endet der Abend mit dem Osian Roberts Quartet, der ganz zu Beginn noch ein wenig geprägt war von Zurückhaltung und Vorsicht, dann schließlich mit lautstarkem Beifall, einer umjubelten Zugabe und der Erkenntnis, tatsächlich eine echte Entdeckung gemacht zu haben. Was einem ja beileibe nicht zum ersten Mal passiert, wenn man „einfach so“ mal ins Birdland geht, ohne den Namen des Musikers vorher jemals gehört zu haben. Der von Osian Roberts dürfte sich denen, die diesen Schritt getan haben, auf jeden Fall nachhaltig eingeprägt haben. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass auch aus Gegenden, die man bislang für Jazz-Diaspora gehalten hat, mitunter ganz erstaunliche Dinge kommen.
Donaukurier | Karl Leitner
Die Klammer für dieses Konzert, bei dem auf den ersten Blick verschiedene musikalische Welten aufeinanderzuprallen scheinen, die sich jedoch bald zusammenfinden zu einer neuen, ist wieder einmal der Blues, der Allzweckkleber, der im Jazz und im Rock so ziemlich alles verbindet. Da ist gleich zu Beginn das Stück „Übermäßig blau“ aus der Feder Frank Wunschs, der an diesem Abend im Birdland Jazzclub am Flügel sitzt, und am Ende Ornette Coleman’s „Turnaround“, beides Blues-Kompositionen, aber richtig interessant ist, was in den knappen zwei Stunden dazwischen vor sich geht.
Frank Wunsch wurde bekannt als enger Wegbegleiter von Albert Mangelsdorff und Lee Konitz und steht in dem Ruf, als Solist und Begleiter phantasievoll und doch völlig frei von Klischees zu Werke zu gehen. Seine Partnerin ist Christiana Zurhausen, Gitarristin mit Hang zu freier Improvisation, zum Jazz und auch zum Grunge. Das sind zwei Pole, die unter Mithilfe des Schlagzeugers Ramon Keck und des Kontrabassisten Conrad Noll sich aufeinander zu bewegen, weil sie sich achten, sich gegenseitig Raum geben und auf subtile Art die Möglichkeiten des Jazz ausschöpfen. „Warum die Eile?“ heißt eine Komposition Zurhausens, die einerseits Bossa Nova ist, andererseits aber auch urgemütlich. Wunschs „Blauer Nachmittag“ und die beiden Duette „Joana’s Waltz“ und „Tango Unchained“ betonen das lyrische Element, „Monk’s Honk“ und Zurhausens „Bling Bling“ bestechen mit ihren hinreißenden Bebop-Themen und in „Tristano’s Dream“ entwickelt sich ein ebensolches in Richtung Avantgarde. Ja, diese Band ist überaus vielseitig und das Konzert ist es auch, entwickelt nach einem Start, bei dem noch nicht ganz klar ist, wohin die Reise an diesem Abend gehen wird, eine eigene Sprache, bei der die Strukturen der Kompositionen mindestens ebenso wenn nicht sogar wichtiger sind als die improvisierten Abschnitte. Das strafft und öffnet mit jedem Stück einen neuen Raum.
Punktabzug gibt es freilich für die beiden Standards, für Arnold Harlen’s „Stormy Weather“ und Dave Mann’s „No Moon At All“, was an Zurhausens eigenwilligem Gesang liegt. Vielleicht schimmert an dieser Stelle ja das Grunge-Erbe durch, aber man kommt am Ende dann doch zu dem Schluss, dass sie als Gitarristin beeindruckend ist, als Sängerin aber gewöhnungsbedürftig. Aber wie auch immer: Am Ende ziehen die Kompositionen, deren Umsetzung und die freundliche Art Zurhausens als Moderatorin des Abends immerhin zwei Zugaben nach sich, worüber die Musiker sichtlich selbst überrascht sind und ihren neu gewonnenen Fans noch Wunschs „Abendlied“ offerieren, eine wunderschöne kleine Preziose, leise, intim, mit Hingabe vorgetragen. Dass sich an diesem Abend mit Frank Wunsch (Jahrgang 1945), Christiana Zurhausen (Jahrgang 1981), Ramon Keck und Conrad Noll nicht nur verschiedene musikalische Fußabdrücke zu einem vereinen, sondern auch noch zwei Generationen aufeinander treffen, ist dabei lediglich eine Marginalie, denn Altersunterschiede sind im Jazz noch nie ein Thema gewesen. Alle sprechen die gleiche Sprache, mögen die Dialekte, die Mundarten und die Färbungen auch noch so unterschiedlich sein. Das verbindet, lässt aber auch immer eigene Wege zu.
Neuburger Rundschau | Dr. Tobias Böcker
Ein Lob den Stilleren im Lande, den nicht-laut-Sprechern, die doch so viel zu sagen haben. So einer ist Frank Wunsch, klassisch inspirierter Grandseigneur des Jazzpianos, ein Meister der leiseren Töne, dabei in der ganzen Bandbreite des Jazz daheim, mit seinen 80 Jahren so überlegen und abgeklärt, wie es nur wenigen gegeben ist. Gemeinsam mit der Gitarristin Christina Zurhausen sowie dem Drummer Ramon Keck und dem Bassisten Conrad Noll bot Wunsch im Birdland ein souveränes Musterbeispiel an empathisch ausgewogener Interaktion.
Nicht immer ist die Kombination aus Gitarre und Klavier im Jazz zielführend. Beide sind zugleich Solo- und Rhythmusinstrumente, beide verfügen über ein breites harmonisches Spektrum. Da liegt die Gefahr nahe, dass eins das andere verdeckt, relativiert, überrollt.
Nicht so in dem herausragend aufeinander eingestellten und eingespielten Gespann aus Frank Wunsch und Christina Zurhausen. Die Gitarristin teilt Wunschs Liebe zur Gelassenheit, zum Raum, zur Offenheit, zum Teilen.
»Warum die Eile?«, so ein Bossa aus ihrer Feder, ursprünglich für eine Sängerin geschrieben, deren Rolle nun mit betörender Intensität der Melodie vom Flügel übernommen wird. Geradezu unvergleichlich, wie da der Bösendorfer zu singen anhebt, sanft und eindringlich, berührend und von vollkommener Klarheit.
Romantische Lyrik auch, wenn Wunschs »Blauer Nachmittag« die Atmosphäre prägt, oder sein Paradestück »Joana‘s Waltz«.
Christina Zurhausen ergänzt und kontrastiert zugleich mit griffiger Gitarre, deren Eigenwilligkeit nie der Selbstdarsellung dient, sondern eben jenem Kick des Unerwarteten, da wo die »Ausfahrt« ist, so der Titel eines ihrer Alben, wo eingefahrene Wege verlassen und beherzt neue gebahnt werden. Das zeigt, wie sich Lyrik und Energie vertragen, wie stark auch Frank Wunsch in der Kraft des Jazz verwurzelt ist, munter, Bebop-inspiriert und bluesgetränkt, nicht zuletzt in Zuhausens »Bling bling« oder Ornette Colmans »Turn Around«, das mit Kante und Biss aufwartet, aber eben auch wieder die bezwingende Singstimme des Flügels erklingen lässt.
Zum Erfolg des Abends und der Begeisterung des Publikums nicht wenig trugen auch Ramon Keck und Conrad Noll bei, ersterer mit traumwandlerischer Gratwanderung zwischen Impuls und Zurückhaltung, letzterer mit ungemein präziser Tonbildung und agiler Beweglichkeit, auch mit dem Bogen prima unterwegs.
Wenn es denn ein Fazit gebraucht hätte: Mit Frank Wunschs hymnischem »Abendlied« fand das Konzert einen absolut würdigen Abschluss.
Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
Irgendwann im Laufe des Abends kommt einem ein Gedanke: Wo stünde der Birdland-Jazzclub heute wohl ohne Larry Porter? Hätte er eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben können, wenn der inzwischen 74-jährige US-Pianist 1991 nicht in Wien den sagenumwobenen Bösendorfer-Flügel für Neuburg ausgesucht hätte? Womöglich wäre dann ein anderer Klimperkasten in die Katakomben der Hofapotheke transportiert worden, der bei weitem nicht derart klingende Namen wie Monty Alexander, Michael Wollny, Diana Krall, Mal Waldron, Kenny Barron oder Fred Hersch in die Altstadt gelockt hätte. Denn am guten Klavier erkennt man immer die wahre Klasse eines Jazzclubs. Insofern hat Porter dem Birdland damals vor 35 Jahren einen unschätzbaren Dienst erwiesen, der ihm zeitlebens einen Ausnahmestatus im Keller garantiert.
Nach Jahren der Abstinenz kommt der Amerikaner nun endlich wieder zurück, was vor allem daran liegt, dass er seinen Wohnsitz mittlerweile nach Deutschland, respektive nach Berlin verlegt hat. Nach 2024 ist es bereits das zweite Mal, diesmal mit seinem „Reunion Trio“, dem der Bassist Scott White und der Schlagzeuger Heinrich Köbberling angehören und das er vor genau zwei Jahrzehnten in der Hauptstadt ins Leben rief, um seinem großen Idol Thelonious Monk zu huldigen. Gerade weil Larry Porter diese prickelnde monkische Spielhaltung in der Vergangenheit komplett verinnerlicht und verfeinert hat, ist das Birdland an diesem Abend wieder bis auf den letzten Platz ausverkauft. Schließlich weiß das mit allen Wassern gewaschene Neuburger Publikum, was es von „ihrem“ Larry auch 2026 erwarten kann: eine hochklassige Performance, bei der sich Virtuosität, (Selbst-)Ironie, Poesie, Nachdenkliches und Überraschungen über zwei Stunden lang die Hand geben.
An sich verheißen Pianotrio allenfalls begrenzt Abwechslungsreichtum, doch bei Porter, White und Köbberling ist das auf erfrischende Weise anders. Ihre Performance wirkt wie eine Reise durch die Jazzgeschichte, ohne dabei der Gefahr populistischer Verlockungen zu erliegen. Selbst wenn sie einen Swing-Klassiker wie „Gee Baby, Ainʼt I Good To You“ von 1929 kredenzen, dann verschleppen sie keck die Tempi, klopfen die Harmoniestrukturen nach allen Richtungen ab und lassen dort Pausen, wo das Original allerschnellsten Galopp verlangen würde. Eine Samba, die den kruden Titel „Coffeeʼs Ready“ trägt federt natürlich dank der schaufelnden Besenarbeit von Heinrich Köbberling und zwingt einen förmlich zum Fußwippen, ob man will oder nicht. Aber des Pianisten Werk möchte bewusst keine Komfortzone generieren. Selbst in diesen beschwingten Rhythmus streut er Polyrhythmen und Synkopen ein – so als hätte sich Monk an die Copacabana verirrt.
Nat King Coles „Rosetta“ ist eine Nummer, die trotz der Fülle an Noten, die vom Klavier erklingen, bewusst immer wieder in ihre Fragmente aufgeteilt wird, wobei das Ausrufezeichen mit einem elektrisierenden Solo hier vom bienenfleißigen Bassisten Scott White kommt. Erst in L.O.V.E aus der Feder des Deutschen Bert Kaempfert wechselt das Dreigestirn in einen lupenreinen Swingmodus. Köbberling fächert die Viertel auf die Snare, White zupft einen klassischen Walking-Bass, während Porter zeigt, dass in seinem Portfolio zur Not auch die Karte „Oscar Peterson“ ziehen kann.
Und weil die chamäleongleiche Wandelbarkeit des amerikanischen Berliners schlicht atemberaubende Züge besitzt, präsentiert er als Zugabe auch noch „Little Susie“, einen Blues von Piano-Legende Ray Bryant, der in den von Larry Porter ausgesuchten Bösendorfer ebenfalls schon seine Finger legen durfte. In jeder Hinsicht ein Instrument, das absolute Weltklasse anzieht – immer noch.
Donaukurier | Karl Leitner
Am 12. September 1991 fand im Neuburger Birdland Jazzclub das Eröffnungskonzert der Reihe „Art Of Piano“ statt. Im Zentrum des Interesses standen der eben erst aus der Bösendorfer-Manufaktur in Wien angelieferte Flügel der Baureihe M 200 und der Pianist, der ihn für den Club ausgewählt hatte, Larry Porter. Er hatte ihn vor dem Transport donauaufwärts auf Herz und Nieren geprüft und anschließend entschieden. „Der da“ sollte es sein. Und jetzt, 35 Jahre und 277 „Art Of Piano“-Konzerte später, treffen die beiden wieder aufeinander, „der da“ und der aus Cleveland stammende und in Berlin lebende Meisterpianist, der wegen seiner technischen Brillanz und seines Spielwitzes weltweit hoch geschätzt wird.
Wenn zwei, die eine Verbindung fürs Leben haben, sich nach langer Zeit wieder treffen, darf das getrost gefeiert werden. Ähnliches freilich gilt für das Reunion Trio, das deswegen so heißt, weil sich Porter, der kanadische Kontrabassist Scott White und der Drummer Heinrich Köbberling nach 20 Jahren Pause wieder zusammengetan haben, um ihrem Publikum mit Duke Ellington, Earl Hines, Ray Bryant und allen voran Thelonious Monk ein paar ihrer gemeinsamen Lieblinge vorzustellen, und auch Porter’s neueste Kompositionen, die mindestens ebenso wenn nicht noch interessanter sind als die Adaptionen.
„Skater’s Dance“ vor der Pause zum Beispiel, für das der Eiskunstlauf Pate stand, ein Walzer mit wunderschöner, auf traumhaften Harmonien ruhender Melodie, in dem Pirouetten, Sprünge und Hebefiguren quasi gleich mit eingebaut sind. Oder „Nuevos Amigos“ mit schrägem Bogen-Intro White’s, das wie durch ein Wunder zu einer überaus süffigen Angelegenheit wird. Oder „Coffee’s Ready“, einer witzigen Kombination von Samba und nachmittäglichem Kaffeekränzchen, oder – das vermutlich beeindruckendste Stück des ganzen Konzerts – „Teardrops“, die für das ukrainische Volk geschriebene Ballade, die richtig unter die Haut geht.
Das Trio hält auf sehr überzeugende Weise die Balance zwischen Modern und Mainstream, arbeitet mit Verästelungen, Verzweigungen und Nebenarmen, folgt einem kompositorischen Konzept mit Fixpunkten, gönnt sich aber auch improvisatorischen Freiraum. Ohne freilich diesen Punkt auf die Spitze zu treiben, diesen Aspekt über Gebühr ausufern zu lassen. Und dann sind da diese Eleganz, dieser subtile Umgang mit den fremden und den eigenen Stücken, die feine Besenarbeit Köbberlings, die klar umrissenen Linien White’s, der kraftvolle aber eben auch subtile Stil Porter’s, die bei minimaler akustischer Verstärkung eingebauten Akzentverschiebungen, die variierenden Betonungen, die sich absolut kunstvoll verknüpfen und zusammen mit dem sich permanent ändernden Level an Intensität zu einer Art Markenzeichen für dieses Trio werden.
Eine Wiedersehensfeier ist nur dann wirklich schön, wenn auch die Rahmenbedingungen passen, in diesem Fall die Musik. An diesem Abend im Birdland tun sie das auf ganz vorzügliche Weise. Und auch die Chemie stimmt. Zwischen Porter und „seinem“ Flügel, zwischen den Musikern, zwischen jenen und ihrem Publikum. Und am Ende steht der oftmals nach einem Treffen geäußerte Satz im Raum: „Schade, dass man sich so selten sieht!“ In der Tat, das stimmt. Aber daran könnte man ja was ändern.
Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
Da sitzen mit Michael Flügel am Piano und Norbert Gabla am Bandoneon zwei feinfühlige, über weite Strecken fast in sich versunken wirkende Musiker auf der Birdland-Bühne im alten Hofapothekenkeller. Sie spielen Tango in allen Varianten, im klassischen Vierer-Takt, im Walzer-Rhythmus und im Metrum von zwei Halben. Mit der Dreiviertel-Seligkeit nach Wiener Art, mit der Tango-Musik im europäischen Verständnis, die manchem noch von den mehr oder weniger flotten Hüftschwungversuchen aus der Tanzstunde bekannt vorkommen mag, hat das wenig, eigentlich gar nichts zu tun.
Es geht um den echten Tango, der aus Argentinien und Uruguay kommt und eine sehr eigene Kunstform ist. Was die beiden Interpreten Michael Flügel und Norbert Gabla daraus machen, in den Standards von Astor Piazzolla und anderer, weniger berühmten lateinamerikanischer Komponisten, ebenso wie in den Eigen-Kompositionen Gablas, geht nicht sofort in die Beine, es versetzt die Zuhörer nicht nach den ersten Tönen in beschwingte Stimmung. Diese Musik kommt mit sanftem Drive daher, sie ist komplex, von einem elegischen Grundton getragen und hat so gar nichts Auftrumpfendes an sich.
Sie wirkt oft tastend, die Akkorde und Melodie-Ausbrüche in allen denkbaren Moll-Varianten laden das Publikum ein , sich in eine Welt mit hinein zu begeben, die von sehr viel Armut, sehr wenig Reichtum oder Wohlstand, von einer großen Kluft zwischen oben und unten geprägt ist. Auch von der Erfahrung der Militärdiktaturen und anderer, brutaler Autokraten-Regime. Die Tango-Musik, die daraus von unten entstanden ist, mit ihren klagenden, melancholischen und trotz allem lebensfrohen und auch subversiven Komponenten, können wir Mitteleuropäer vielleicht nie ganz verstehen. Wir können uns bemühen. Und wir können sie auch genießen, wenn sie so fein interpretiert wird wie von Flügel und Gabla.
Der aus einer ukrainischen Familie stammende Bandoneon-Virtuose Norbert Gabla, heute ein Oberpfälzer mit starkem fränkischen Einschlag, empfindet die musikalische Welt des Tango auf eine besondere Weise. Vor ein paar Wochen war ein Akkordeon-Spieler im Birdland, der auf der Bühne eine spezielle Show abzog, mit vollem Körpereinsatz, unglaublichem Minenspiel und anderem Brimborium. Gabla mit der Akkordeon-Variante Bandoneon ist das Gegenteil davon: Er verzieht kaum eine Mine, ist äußerlich die Ruhe selbst, spielt die wildesten Passagen sehr diszipliniert – aber gerade daraus kommt die musikalische Kraft. Der Libertango Piazzollas, das Stück „Die Betrunkenen“, auch die Nummer „Dalida“ entfalten bei genauem Hinhören ihren herben, oft mit Tristesse und trotzigem Lebens- wie Liebeshunger gewürzten Charme.
Mit Namen sollte man nicht spielen, aber bei Michael Flügel kann eine Ausnahme erlaubt sein. Dieser Pianist ist für die leisen, geheimnisvollen, wehmütigen und dann auch wieder betörend schönen Teile dieser Latino-Musik wie geschaffen. Der Bösendorfer-Flügel des Birdland wartet ja geradezu auf Pianisten, die nicht donnernde Akkord-Kaskaden und Fortissimo-Ausbrüche lieben, sondern die leiser, intime philosophisch Variante des Spiels mit den 88 Tasten. Seine Improvisationen sind zart, elegant und inspiriert. Auch Flügel wirkt sehr ruhig, versunken, Brimborium jedweder Art braucht er nicht. Da passen zwei Tango-Jazzer wirklich zusammen, keiner will den anderen übertrumpfen und sich nach vorne spielen. Der Spruch wird zu oft zitiert, aber hier stimmt er: In der Ruhe liegt die Kraft.

