Es ist immer etwas Spielerisches dabei. Wobei man sich den dreifachen Vater Christian Elsässer vielleicht als jemanden vorstellen könnte, der selbst das spontane Verstecken seiner Kinder, profanes Topfschlagen oder ein impulsives Mensch-ärgere-dich-nicht bis ins haarkleinste Detail plant. Nur die lieben Kleinen sollen am besten nichts davon merken.
So ist das nun mal, wenn ein mittlerweile in großen Kategorien denkender Pianist, der trotz seiner erst 42 Jahre schon für alle vier deutschen Rundfunk-Bigbands, das Metropole Orkest, die Jazzrausch Bigband und obendrein für Weltstars wie Dee Dee Bridgewater oder Kurt Elling arrangiert und dirigiert hat, im abermals voll besetzten Neuburger Birdland-Jazzclub Musik für ein kleineres Ensemble verwirklicht. Elsässer ist ein Perfektionist par excellence, ein ziemlich talentierter, fast schon genialer noch dazu. Um seine wild umherfliegenden Ideen zu bündeln, muss er sie ganz zwangsläufig einem Motto unterordnen. Und so geht es an diesem Abend vor allem um den Umzug des Pianisten und seiner Familie aus München hinaus aufs Land, durchzogen von Aufbruchsstimmung, Wehmut und dem Zauber neuer Anfänge. Und so verwundert es kaum, dass die Kompositionen aus seiner Feder alle Dynamik, Aufbruchsfreude, aber auch eine gewisse Anspannung ausstrahlen.
Weil Elsässer dabei stets einen gewissen erzählerischen Gestus als roten Faden an den Tag legt, klingt kein Stück wie das andere. In „Morgentau“ etwa, in dem das Tenorsaxofon von Niels Klein nach anfänglicher Euphorie verschattet-nachdenkliche Linien absondert, die sich irgendwo zwischen verwunschenem Sirenengesang und obskurem ländlichem Getier ansiedeln. Man erkennt jede Menge Spaß in „The Move“ und kann sich in „Move Out“ ein leeres Haus vorstellen, das Schlagzeuger Fabian Arends gerade „besenrein“ gefegt hat. Nach dem spritzig swingenden Opener des zweiten Sets, in dem der Bandleader die ständigen Fragen der Kinder, wann man denn endlich am Ziel angelangt sei („Bald!“), in „Almost There“ aufs Korn nimmt, erinnert er sich nach der Pause an die Vögel in seinem alten Münchner Domizil („Birds“) und ihren Gesang mit den unberechenbaren Linien sowie eigenwilligen Melodieverzwirbelungen, die vor allem durch das hibbelige Geklöppel von Vibrafonist Tim Collins wie der Soundtrack aus einem flatternden Käfig anmuten lassen. Und „Circles And Corners“ klingt genauso, wie es der Titel verspricht: voller Kreise und Ecken, mit jeder Menge Monk-Anspielungen.
Es gibt abstrakte, verspielte Tongemälde in der Hommage auf seine Töchter „Lisa & Lilli“ und ein sanft dahingleitendes, wunderbares „Wiegenlied“, das Christian Elsässer ganz allein am Bösendorfer eröffnet. Was auffällt dabei: Der Pianist scheint selbst bei seinen feinen, anmutigen Soli immer an seinen Notenblättern zu hängen, er reproduziert gewissermaßen die Töne, die er sich bereits zuvor in seinem Kopf zurechtgelegt hat. Derweil kann Hennig Sieverts im Verbund mit den Tasten des Flügels zeigen, welch feiner Bassist mit unglaublich wärmendem Ton er doch ist. Bei den fünf herausragenden Instrumentalisten schimmert jede Menge intelligente Lyrik durch, gepaart mit allerhöchsten technischen Fertigkeiten. Allerdings spricht es für diese Band, dass sie ihre Musik nie übervirtuos oder „kopfig“ an ihr Publikum weitergibt, sondern immer nahbar und emotional bleibt. Und so entsteht daraus ein reizendes, musikalisches Tagebuch aus dem Leben einer Familie, in dem es um eine Reise voller Abschiede und Neubeginne geht. Denn Leben ist Veränderung. Im besten Falle entsteht daraus einfallsreicher Jazz wie dieser.

