Wawau Adler Gypsy Bop | 20.02.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Wenn es um Gypsy Swing geht, steht normalerweise im Mit­telpunkt des Geschehens und des Interes­ses ein Gitarrist, der auf rasend schnelle Art Läufe und Melodien spielt und nicht selten ein Virtuose auf seinem Instru­ment ist. Manchmal ist ein Geiger mit dabei, ein Akkordeonist oder in seltenen Fällen auch ein Klarinettist, der es ihm gleichtut, so gut wie nie aber ein Schlag­zeuger, weil für den Rhythmus ein zwei­ter Gitarrist und der Bassist sorgen. Und in kompositorischer Hinsicht schwebt fast immer der legendäre Django Rein­hardt über der Szenerie, der Übervater dieser ganz und gar eigenen Gattung des Jazz.

Der Gitarrist Wawau Adler, der an die­sem Abend im Birdland Jazzclub in Neu­burg gastiert, bildete da bislang keine Ausnahme. Nun aber hat er neben Mi­chael Acker (Kontrabass) und Julian Wohlmuth (Rhythmusgitarre) den Altsa­xofonisten Jan Prax neben sich auf der Bühne, nennt seine Band „Gypsy Bop“ und stellt damit eine Verbindung her zwischen dem, womit Reinhardt (1910-1955) zur zentralen Figur seines Subgen­res wurde, und dem, was man bis heute Bebop nennt und was gleichzeitig auf In­itiative eines Charlie Parker (1920-1955) im Rest der Jazzwelt für Aufsehen sorg­te. Adler spielt wohlgemerkt im Verlaufe des Abends keinen einzigen Ton aus Reinhardt’s Werk und Prax keinen aus dem von Parker, aber die beiden Heroen sind quasi mit im Raum und Treffen auf Vermittlung Adlers aufeinander, was ein Gypsy Swing-Konzert ergibt, das zwar auf traditioneller Basis abläuft, aber doch sehr über das hinausgeht, was sonst unter diesem Etikett angeboten wird.

Neben einigen Fremdkompositionen wie Gershwin’s „The Man I Love“, Jo­bim’s „Meditation“ und „Illusionen“ aus der Feder von – man glaubt es kaum – Udo Jürgens gibt es etliche Adler-Stücke zu hören. „Kolibri“, das drei Tage nach dem Konzert im Studio für eine CD ein­gespielt werden wird, das vom Titel her absolut ins Bild passende „Jazzy Popu­lair“ oder „Moods“, das alles enthält, was Adler als Gitarrist auszeichnet. Die Konzeption der Stücke verrät dessen Nähe zur Tradition, den Bebop bringt Prax ins Spiel, der sich mit seinem Ton ausdrücklich auf Parker bezieht und mit­unter auch auf John Coltrane, der ja zu Beginn seiner Karriere auch überwie­gend Altsaxofon spielte. Deren Erbe ver­bindet er mit der Rasanz, den reichhaltig ornamentierten Figuren und den flüssi­gen Girlanden des Gypsy Swing, fügt sich damit ein in die Welt Adlers, berei­chert sie, aber nicht als Gast, sondern von Beginn an als ein Teil von ihr.

Normalerweise weiß man als Zuhörer bei einem Gypsy Swing-Konzert, was ei­nen erwartet. Adler und seine Band wer­den den Erwartungen absolut gerecht, auch ohne die ansonsten unvermeidli­chen Reinhardt-Stücke. Der Wohlfühl-Charakter, der unerbittliche Swing-Groo­ve, die Virtuosität der Solisten, die spezi­ell europäische Note dieser Musik – alles ist da und verfehlt nicht seine Wirkung beim Publikum, das sich wieder einmal schwer beeindruckt zeigt. Das Besondere freilich, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, ist die Öffnung eines Genres, das immer wieder für Staunen, Relaxtheit und Genuss sorgt, aber auch oftmals durch vorgezeichnete Grenzen gekenn­zeichnet ist. Dass beides geht – Traditi­onsbewusstsein und Offenheit – zeigt dieser Abend.