The Art Of The Quartet | 14.02.2026

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Vier Musiker, die ihr Instrument exzellent beherrschen, allesamt Ausnahmekönner, zum Teil mit Legendenstatus. Ein Quartett. Doch wie häufig kommt dies im Jazz schon vor, scheinbar wahllos zusammengebastelte oder zusammentelefonierte Konstellationen, ein bisschen Namedropping und oft genug jede Menge Zufall dabei. Was ist daran bitte schön Kunst?

Einfach die Wirkung entfalten lassen, die sich da gerade langsam im einmal mehr bis auf den allerletzten Quadratzentimeter vollbesetzen Birdland-Jazzclub aufbaut! Hier gibt es kein lärmendes Höher-Schneller-Weiter, dass auch oft genug mit dem überbordenden Ego der Protagonisten zu tun hat.

Diese vier Herren dort oben auf der Bühne musizieren nicht etwa zum Selbstzweck, sondern um gemeinsam etwas Wunderschönes, Beeindruckendes, Faszinierendes entstehen zu lassen. Dazu braucht es zwingend ein gutes Ohr für die kleinen, feinen Nuancen der Mitstreiter, spontanes Reagieren auf unerwartete Wendungen, selbst wenn das Gros der anmutigen Kompositionen eher jazzunüblich aufnotiert erscheint. Die Musik bewegt sich behutsam vorwärts, tastend, suchend. Nichts muss, alles kann. Kein lautes Hallowach-Intermezzo, keine instrumentalen Ausreißversuche.

In diesem Quartett der längst in die Jahre gekommenen Superstars ist es das vorrangige Ziel eines jeden Mitglieds, die anderen so gut wie möglich klingen zu lassen, weil man selbst niemandem mehr etwas beweisen muss.

Peter Erskine zum Beispiel. Ein lebendes Denkmal des Genres, der in der wichtigsten Ära der Kult-Jazzrockformation Weather Report (Erkennungssong: „Birdland“) von 1978 bis 1982 das Schlagzeug bediente und dort regelmäßig für mächtige Gewitterentladungen sorgte, ist inzwischen 71. Seine aktuelle Performance orientiert sich genau am gegensätzlichen Extrem und hinterlässt gerade deshalb einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Nur ganz selten hat ein derart leiser Drummer in der Birdland-Historie die gesamte Dramaturgie eines Konzertes geprägt, wie Erskine an diesem Abend. In „The Seraph“ wirkt er wie ein Windhauch, der sanft über die Felle weht.

Oder Kevin Hays, dieser Ausnahmepianist, der bereits im zarten Alter von 23 Jahren 1992 sein Hofapothekenkeller-Debüt mit Benny Golson gab und heute zu den weltweit Besten seines Faches zählt. Er darf Miles Davis „Sippin At Bells“ mit einem Intro eröffnen, das sich irgendwo zwischen klingendem Impressionismus und Bebop einpendelt und das ohne Beispiel ist. Scott Colley, dieser mit allen Wassern gewaschene Bassist, begleitet nicht nur seine Komposition „The Seraph“ mit Linien, die man so noch nie gehört hat. Und der Däne Benjamin Koppel beweist den gesamten Abend über, dass er zur absoluten Weltklasse zählt, obwohl bis dato kaum jemand seinen Namen kennt.

So weben die vier selbst an kleinsten Details, bewegen sich unmerklich zwischen Reminiszenzen an John Coltrane, klassische Komponisten wie Charles Ives, Einflüssen aus der hawaiianischen Musik oder überraschenden Fusion-Referenzen. Das mithin eindrucksvollste Ergebnis dieses kollektiven Filterprozesses können die atemlos lauschenden Birdland-Besucher in der Zugabe „Touch Her Soft Lips And Part“, einem klassischen Werk von William Walton, mitverfolgen.

Am letzten Abend ihrer Europa-Tournee offerieren die glückseligen Musiker ein wunderbares Finale voller ungeschminkter, frei von jeglichem Firlefanz gestalteter Musik, wie sie nur ein solches Quartett zustande bringen kann. Und das ist tatsächlich dann ganz große Kunst!