Die Idee für „The Art Of The Quartet“ hatte vor etlichen Jahren der dänische Altsaxofonist Benjamin Koppel. Er tat sich mit dem Pianisten Kenny Werner, dem Bassisten Scott Colley und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette zusammen und fertig war eine Allstar-Group, die dem klassischen Format des Jazz-Quartetts neue Bereiche erschloss und dafür von der Fachwelt gefeiert wurde. Mittlerweile bearbeitet Kevin Hays die schwarzen und weißen Tasten und Peter Erskine sitzt hinter dem Drum Set, und exakt in dieser erneuten Traumbesetzung gibt die Band ein Konzert im Birdland Jazzclub in Neuburg.
Es ist das zehnte und letzte einer Tour durch europäische Jazz-Metropolen und es ist schlichtweg brillant. Wenn vier Musiker, von denen jeder Jazzgeschichte geschrieben hat, in einer Art Allstar-Band aufeinandertreffen, muss nicht automatisch Großartiges entstehen. An diesem Abend freilich passiert genau das. Und als hätten es alle aus nah und fern geahnt, ist das Birdland wieder mal rappelvoll. Andererseits: Worauf sollen Jazzfans auch sonst warten? Wer bei diesem Line Up nicht reagiert, dem ist nicht zu helfen.
„The Art Of The Quartet“ beschäftigen sich eindringlich mit den klar strukturierten, sparsam ornamentierten und fest umrissenen Kompositionen der Bandmitglieder. „The Fade“, „The Fugue“ und „Disgrace To Brooklyn“ werden zu einem Block zusammengezogen. Gespickt mit Querverweisen und bestehend aus kammermusikalischen, minimalistischen, lyrischen und straighten Komponenten, kommt er einer gut 40-minütigen Suite gleich, die festen Vorgaben folgt und einerseits ein akademisches Konstrukt ist, aber dennoch nur so sprüht vor Lebendigkeit. Hat man je einen Drummer so perfekt und mit Leichtigkeit nach Noten spielen sehen? War je einer dermaßen präsent gerade in Augenblicken größter Zurückhaltung?
Die Band zelebriert immer wieder Reduzierung in Perfektion und belegt damit, dass man auch ohne Getöse, ohne Vielspielerei, ohne die vordergründige Demonstration technischer Fertigkeiten einen höchst intensiven Auftritt hinlegen kann, bei dem die Funken sprühen, nur eben nicht auf die herkömmliche Weise. Bei „The Seraph“ etwa und bei „Three Part Conversation“ reduziert Erskine den Rhythmus mit einzelnen Schlägen auf den puren Puls, fährt alle anderen Aktivitäten komplett herunter und erzeugt damit eine Lebendigkeit, die durch Weglassen entsteht und eine Kraft, die aus dem Inneren der Musik zu kommen scheint und nicht durch Rasanz erzeugt wird oder durch heftige Beats. Was an diesem Abend im Birdland abläuft, ist ein Konzert der Eleganz, der Finessen und Feinheiten, der überlegten musikalischen Gesten, ein Plädoyer für die richtige Dosierung, für den subtilen Zugriff, für einen überlegten, ja, weisen Umgang mit den eigenen Fähigkeiten.
Diese vier Herren sind echte Könner, aber längst über die Phase hinaus, dies sich selbst und ihrem Publikum beweisen zu müssen. Und wenn sie „Allstars“ sind, dann auf Grund ihres Bekanntheitsgrades wegen ihrer Mitgliedschaft bei Weather Report, Steps Ahead und den Bands von Sonny Rollins, Dizzy Gillespie oder Paul Bley, nicht aber, weil sie spektakulärer agieren würden als weniger bekannte Kollegen. Im Gegenteil: Keiner in dieser Band ist der Star, denn bahnbrechende Musik wie diese kann nur entstehen, wenn aus einer Gruppe von Individuen eine Einheit wird. Ein Abend, der in die Birdland-Annalen eingehen wird.

