So etwas gab es in dieser Kombination noch nie im Hofapothekenkeller. Normalerweise bekommen Konzerte, in denen sich der musizierende Protagonist als Conférencier gefällt, fast immer Schlagseite. Er redet und redet und redet und merkt ob seiner Selbstverliebtheit nicht einmal, dass es die Leute zunehmend langweilt. Alexander Kranich indessen darf, ja er muss einfach etwas sagen; über Coco Schumann, den „Ghettoswinger“, und dessen bewegtes, tragisches Leben.
Dazwischen interpretieren er und sein feines Kollektiv einige der Nummern des Mannes, der als junger Bursche in Auschwitz an der Todesrampe saß und auf Befehl der SS-Schergen „La Paloma“ auf der Gitarre spielte. Schumann, der 2018 mit 93 Jahren in Berlin starb, sah in die Augen der Häftlinge, bis sie in den Gaskammern verschwanden. Seine weiße Taube bildete den Soundtrack für den Holocaust, er war Zeitzeuge der Schoah und versuchte nach dem Krieg, mit dieser unfassbaren Bürde weiterzuleben.
2007, im hohen Alter von bereits 82 Jahren, gastierte Coco noch einmal im Neuburger Birdland-Jazzclub. Dass jetzt der gerade einmal 32-jährige Kranich die Erinnerung an das Schicksal des Mannes wachhält, der dem Grauen nur wegen seiner besonderen Fähigkeiten an der Gitarre entkam, ist ein ganz besonderer Moment, der auch in der reichen Birdland-Geschichte seinesgleichen sucht.
Der junge Musiker lernte sein Vorbild noch zu Lebzeiten in Hamburg kennen, transkribierte nach dessen Tod viele der Stücke und arrangierte sie neu. Mithilfe des kongenialen, wirklich hinreißenden und auch singenden Pianisten Axel Reichard verfeinerte Kranich die Nummern des väterlichen Freundes und entwickelte so ganz allmählich den Ruf eines ausgewiesenen Spezialisten für die Werke Schumanns.
Das Resultat, ausgebreitet auf die Länge eines gesamten Konzertes, überrascht, bewegt und begeistert in jeder Hinsicht. Alexander Kranich, der Saxofonist Dirk Engelhardt, Max Jalaly am Kontrabass und Andy Smyrek am Schlagzeug lassen sich von der geschichtsträchtigen Umgebung des Gewölbes inspirieren, bleiben musikalisch keine Antworten schuldig und erweisen sich als würdige Nachlassverwalter. Vielseitigkeit ist Trumpf, ebenso wie bei Schumanns Œuvre, der vom verzwickten Bebop über die schnöde Schnulze bis zur fetzigen Beatmusik alles in petto hatte. Und dazu noch Kranichs Geschichten.
Beim „Stripper Blues“ würden sie immer eine andere Dame vor Augen haben, die sich da langsam in den Berliner Nachtclubs ihrer Kleidung entledigt, erzählt er. Und die Imagination funktioniert tatsächlich! Derweil geht es in „Cafe Mexicana“ um Easy Listening im südamerikanischen Stil, während ein Stück mit dem seltsamen Titel „Das ist die Musik von heute“ die Erinnerung an den Heinz-Erhardt-Film „Witwer mit fünf Töchtern“ von 1957 auffrischt, in dem Coco mitwirken durfte – als Gitarrist. Die Band „warnt“ dabei vor den Gefahren des aufkeimenden Rockn Roll; schmissig, witzig, authentisch, toll! Premieren gibt es in Neuburg gleich einige.
Zusammen mit seinem Freund, dem „Zaubergeiger“ Helmut Zacharias, spielte Schumann 1947 mehrere Modern-Jazz-Stücke ein. „Helmys Bebop Nr. 3“ probieren die fünf nun im Birdland zum allerersten Mal vor Publikum, ebenso wie den Beat-Ohrwurm „Blackfoot“, eine Nummer, die Alexander Kranich erst vor sechs Wochen im Rundfunkarchiv des RBB entdeckt hatte. Bei den frenetisch geforderten Zugaben darf natürlich „Mackie Messer“ nicht fehlen. Nur ein Stück vermeidet das Kranich Kollektiv ganz bewusst: „La Paloma“. Was den bejubelten Auftritt, der deutsche Geschichte und grandiose Musik auf faszinierende Weise verbindet, im Nachhinein noch wertvoller erscheinen lässt.

