Tribute To Coco Schumann | 31.01.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Coco Schumann (1924 – 2018) spielte um sein Leben. Zuerst in Theresienstadt mit den „Ghetto Swingern“, dann auf Geheiß der SS an der Todesrampe in Auschwitz. Wer auf dem Weg ins Gas an ihm und seiner Gitarre vorüberkam, kam nicht mehr zurück. „Die Musik hat mir das Leben gerettet“, sagte er später, als er längst US-Stars auf Truppenbetreuung im Nachkriegsdeutschland begleitete, mit Helmut Zacharias und Heinz Ehrhardt arbeitete und auf Kreuzfahrtschiffen für Unterhaltung sorgte. Coco Schumann war Augenzeuge des Grauens, erster E-Gitarrist Deutschlands und – wenn man den Anekdoten, Geschichten und Berichten von Alexander Kranich glauben schenkt, der sein musikalisches Erbe und seinen Gitarrenkoffer samt Inhalt verwaltet – ein ziemlich cooler Typ.

Am 27. Januar wird die Befreiung von Auschwitz gefeiert und nun, vier Tage später, mit einem Konzert im Birdland Jazzclub mit Schumann, der 2007 selber noch im Birdland zu Gast war, einer der wenigen Überlebenden. Das nennt man Timing, das zeigt Wertschätzung und Respekt. Das Kranich Kollektiv mit Alexander Kranich an Schumanns historischer, von keinem geringeren als Attila Zoller von akustisch auf elektrisch umgerüsteten Gitarre, mit dem Pianisten und Arrangeur Axel Reichard, dem Tenorsaxofonisten Dirk Engelhardt, dem Kontrabassisten Max Jalaly und dem Schlagzeuger Andy Smyrek hat die Aufgabe übernommen, vor wieder einmal vollem Haus Schumanns Lebensgeschichte zu erzählen, die zugleich die Geschichte der Juden in Deutschland, des Jazz in der Nazi- und der Nachkriegszeit und auch unsere eigene ist.

Kranich führt durchs Programm und die Band spielt. Die Musik mag, vor allem zu Beginn des Konzerts, ein klein wenig verstaubt klingen, mit Patina überzogen sein, was sich dann am Ende, als auch für Schumann die Zeit des Rock’n’Roll anbrach, gehörig ändert, aber das ist gar nicht entscheidend. Bedeutsam sind die Tiefe und die zu Herzen gehende emotionale Komponente dieser mit viel Liebe zum Detail, mit Quellenstudium und eigenen Nachforschungen einher gehende akustische Zeitreise, dieses in Töne gefassten und mit passenden Kompositionen garnierten Lebenslaufs, der den Soundtrack zum Holocaust unausweichlich mit einschließt.

Man fühlt sich tatsächlich hineinversetzt in eine Epoche, die man gottlob selber nicht durchleben musste, die Schumann – zumindest physisch – schadlos überstand, all die anderen Ghetto Swinger aber nicht. Auch ihnen, deren Namen heute keinem mehr etwas sagen, setzt dieses Konzert posthum ein Klangdenkmal. Wie so oft ist die Zeit ein entscheidender Faktor. Nach 1945 hat Schumann 40 Jahre lang kein Wort über Auschwitz verloren, dann ging er in die Schulen und erzählte davon. 80 Jahre war das Stück „Jedes liebe Wort“ aus seiner Feder verschollen, bis Kranich es vor kurzem wiederentdeckt hat und beim Birdland-Konzert getreu dem Motto Schumanns „Noten sind schwarze Punkte, die man zum Leben erwecken muss“ erstmals live vorträgt.

Das Konzert dieser Band, die sicherlich nicht in jeder Sekunde perfekt spielt aber dafür mit Hingabe, ist nicht nur ein musikalisches Ereignis über knapp zwei Stunden, sondern auch eines, das auf Langzeitwirkung angelegt ist. Der Abend hallt nach, ist unterhaltsam, macht aber auch nachdenklich, geht zu Herzen und ist weitaus ehrlicher als allzu viele der zum 27. Januar mit aufgesetzten Betroffenheitsmienen gehaltenen Sonntagsreden. Ein wichtiges, ein bedeutsames Konzert und zugleich ein Statement.