Jesse Davis Quartet | 23.01.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Bevor er überhaupt einen Ton spielt, bedankt er sich überschwänglich für die herzliche Atmosphäre in diesem Club, in den er immer wieder gerne zurückkommt, auf den er sich stets ganz besonders freut, wenn er in Europa unterwegs ist, für die liebevolle Betreuung von der ersten Minute seines Aufenthalts in Neuburg an und für die Hochachtung, die man hier seiner Musik entgegen bringe. In der Tat ist es offensichtlich: Zwischen dem amerikanischen Altsaxofonisten Jesse Davis und den Verantwortlichen des Birdland Jazzclubs besteht nicht nur eine geschäftliche, sondern auch eine geradezu freundschaftliche Verbindung.

Davis, einer der herausragenden Musiker in der Nachfolge von Cannonball Adderly, Phil Woods und Charly Parker, trifft an diesem Abend auf optimale Voraussetzungen. Das Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke in Neuburgs Altstadt ist wieder einmal bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, die Erwartungen und die Vorfreude auf den Besuch des Freundes sind groß, und zudem steht ihm seine etatmäßige europäische Stammband zur Verfügung, mit der er seit mehr als 15 Jahren immer wieder spielt, wenn er hierzulande auf Tour ist. Pianist Oliver Kent, Kontrabassist Martin Zenker und Schlagzeuger Mario Gonzi wären und sind als Trio in dieser herausragenden Verfassung auch ohne Davis eine Macht, er freilich ist auf deren Verlässlichkeit und Loyalität angewiesen. Und er weiß, was er an seinen Begleitern hat, die einmal mehr nicht nur Begleiter sind sondern Partner. Nicht umsonst räumt Davis ihnen allen viel Platz ein, damit sie sich selbst präsentieren können. Was sie auch ausgiebig tun, zur Freude ihres „Chefs“ und der des Publikums.

Zenker hat seinen großen Auftritt als Solist anlässlich des von ihm absolut überragend in Szene gesetzten „Polka Dots And Moonbeams“ von Jimmy Van Heusen, Gonzi brilliert ganz besonders bei Davis‘ „You Never Know“ und Kent befindet sich den ganzen Abend über in regem, intimem und höchst spannendem Austausch mit Davis, folgt ihm stets auf dem Fuß, kommentiert dessen Beiträge, führt sie fort, entwickelt sie weiter oder liefert umgekehrt neue Impulse für den Mann am Saxofon. Es ist ein ständiges Geplänkel zwischen den beiden und wenn Kent als Solist erst einmal loslegt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er ist quasi Dauergast im Birdland, und wer wollte, konnte ihn in den vergangenen Jahren oft vor Ort bewundern, auch als Teil anderer Formationen. Aber war er jemals so hervorragend wie an diesem Abend als Teil dieses exzellenten Quartetts?

Und Davis selbst? Der bewegt sich mit spürbarer Lust zwischen Bebop, Hard Bop und Soul Jazz, ist einer, der sich in engen Clubs wie dem Birdland besonders wohl fühlt – was nicht zuletzt auch seine im New Yorker „Smalls“ mitgeschnittene CD belegt – und sorgt für hinreißende Versionen des von Duke Pearson komponierten und von Cannonball Adderly bekannt gemachten „Jeannine“, von „Ecaroh“ und „Strollin’“ aus der Feder von Horace Silver, Monk’s „Bright Mississippi“ und nicht zuletzt Hoagy Carmichael’s „Skylark“ als wunderschöne Ballade. Das Programmheft des Birdland hatte ein „Fest des brodelnden Club Jazz“ angekündigt. Dieses Versprechen lösen Davis und seine Band in jeder einzelnen Minute ihres zweistündigen Konzerts ein und am Ende ist es sonnenklar: Das war mit Sicherheit nicht der letzte Auftritt dieser Band in Neuburg.