Zwei Fragen kann man nach diesem Konzertabend im Birdland in Neuburg eindeutig positiv beantworten. Passt auf die kleine Bühne des Jazzclubs in der Altstadt zusätzlich zum großen Bösendorfer-Flügel auch noch ein 12-köpfiges Orchester? Und: Entspricht die These, Jazz halte jung und fit, wirklich der Wahrheit?
Wenn man die vorderen Tische im Zuschauerraum ein wenig verschiebt, ist die Platzfrage schnell gelöst. Wobei Birdland-Chef Manfred Rehm sagt, der bislang ungebrochene Rekord liege ja sowieso bei 21 Mann. Und Joe Haider, eine der grauen Eminenzen des europäischen Jazz, um den und dessen Orchestra es an diesem Abend geht, ist am 3. Januar diesen Jahres 90 geworden, womit auch die zweite Frage beantwortet wäre. Er ist oft im Birdland aufgetreten, mit Bands in allen Stärken, einem Streichquartett, mit unterschiedlichsten Projekten, aber sein großes, mit neun Bläsern bestücktes Ensemble ist natürlich allein schon wegen ihres Umfangs besonders spektakulär. Und wegen ihres damit verbundenen Sounds. „Sind wir auch wirklich laut genug?“ fragt Haider, der immer für einen Witz gut ist. Akustisch ist tatsächlich einiges los, obwohl man aus gutem Grund auf Mikrophone komplett verzichtet hat. Lediglich der Kontrabass und Haiders Flügel sind leicht verstärkt, damit sie sich akustisch überhaupt bemerkbar machen können.
Und die Musik? Die lebt von den speziell auf diesen opulenten Klangkörper zugeschnittenen Arrangements, den individuell für die Saxofon- und Klarinettengruppe, die Posaunenabteilung, die Trompetenfraktion und schließlich für die komplette Bläserphalanx entworfenen Partituren, von den Solisten, von Haiders umsichtiger Führung und nicht zuletzt von der Strahlkraft der ausgewählten Stücke selbst. Duke Ellington, Dave Brubeck, Tommy Dorsey, Joe Henderson und Horace Silver liefern die Vorgaben, Haider und seine Kollegen setzen sie in Szene, hinterlassen immer dann einen besonders nachhaltigen Eindruck, wenn sie die markanten Themen mit Verve in den Saal wuchten oder die Solisten gruppenweise oder auch im kompletten Verbund unterstützen. Es gibt kaum einen Freiraum im Arrangement, der nicht weidlich genutzt würde und vor allem in zweiten Abschnitt läuft die Band zu ganz großer Form auf.
„Single Petal Of A Rose“, das Ellington einst für die Queen geschrieben hat (O-Ton Haider: „Ist das eigentlich nach deren Tod in die Erbmasse eingegangen und gehört nun König Charles?“) ist eine hinreißende Ballade, die belegt, dass der Bläsersatz nicht nur schmettern, sondern auch ganz subtil zu Werke gehen kann. Und die Zugabe, in der Haider Horace Silver’s „Peace“, seine eigene Trio-Aufnahme „Grandfather’s Garden“ und „Solveig’s Song“ aus Edvard Grieg’s „Peer Gynt Suite“ als Solist zusammenführt, ist wohl der Moment des Abends mit dem größten Tiefgang, ein in Töne gegossener Augenblick der Hoffnung und Zuversicht in einer Welt, in der, wie Haider es ausdrückt, „man immer wieder den Eindruck hat, dass anscheinend alle verrückt geworden sind.“ Man wisse zwar nie, was komme, er freue sich aber trotzdem bereits heute auf seinen nächsten Besuch im Birdland, sagt der immer noch ungemein kreative und umtriebige Tausendsassa des Jazz, bei dem man nicht das geringste Anzeichen von Altersmüdigkeit feststellen kann. Joe Haider live? – Immer wieder gerne. Und am besten noch ganz oft.

