Joe Haider Orchestra | 17.01.2026

Donaukurier | Karl Leitner
 

Zwei Fragen kann man nach diesem Konzertabend im Birdland in Neuburg eindeutig positiv beantwor­ten. Passt auf die kleine Bühne des Jazz­clubs in der Altstadt zusätzlich zum gro­ßen Bösendorfer-Flügel auch noch ein 12-köpfiges Orchester? Und: Entspricht die These, Jazz halte jung und fit, wirk­lich der Wahrheit?

Wenn man die vorderen Tische im Zu­schauerraum ein wenig verschiebt, ist die Platzfrage schnell gelöst. Wobei Birdland-Chef Manfred Rehm sagt, der bislang ungebrochene Rekord liege ja sowieso bei 21 Mann. Und Joe Haider, eine der grauen Eminenzen des europäi­schen Jazz, um den und dessen Orchestra es an diesem Abend geht, ist am 3. Janu­ar diesen Jahres 90 geworden, womit auch die zweite Frage beantwortet wäre. Er ist oft im Birdland aufgetreten, mit Bands in allen Stärken, einem Streich­quartett, mit unterschiedlichsten Projek­ten, aber sein großes, mit neun Bläsern bestücktes Ensemble ist natürlich allein schon wegen ihres Umfangs besonders spektakulär. Und wegen ihres damit ver­bundenen Sounds. „Sind wir auch wirk­lich laut genug?“ fragt Haider, der immer für einen Witz gut ist. Akustisch ist tat­sächlich einiges los, obwohl man aus gu­tem Grund auf Mikrophone komplett verzichtet hat. Lediglich der Kontrabass und Haiders Flügel sind leicht verstärkt, damit sie sich akustisch überhaupt be­merkbar machen können.

Und die Musik? Die lebt von den spezi­ell auf diesen opulenten Klangkörper zu­geschnittenen Arrangements, den indivi­duell für die Saxofon- und Klarinetten­gruppe, die Posaunenabteilung, die Trompetenfraktion und schließlich für die komplette Bläserphalanx entworfe­nen Partituren, von den Solisten, von Haiders umsichtiger Führung und nicht zuletzt von der Strahlkraft der ausge­wählten Stücke selbst. Duke Ellington, Dave Brubeck, Tommy Dorsey, Joe Hen­derson und Horace Silver liefern die Vor­gaben, Haider und seine Kollegen setzen sie in Szene, hinterlassen immer dann ei­nen besonders nachhaltigen Eindruck, wenn sie die markanten Themen mit Ver­ve in den Saal wuchten oder die Solisten gruppenweise oder auch im kompletten Verbund unterstützen. Es gibt kaum ei­nen Freiraum im Arrangement, der nicht weidlich genutzt würde und vor allem in zweiten Abschnitt läuft die Band zu ganz großer Form auf.

„Single Petal Of A Rose“, das Ellington einst für die Queen geschrieben hat (O-Ton Haider: „Ist das eigentlich nach de­ren Tod in die Erbmasse eingegangen und gehört nun König Charles?“) ist eine hinreißende Ballade, die belegt, dass der Bläsersatz nicht nur schmettern, sondern auch ganz subtil zu Werke gehen kann. Und die Zugabe, in der Haider Horace Silver’s „Peace“, seine eigene Trio-Auf­nahme „Grandfather’s Garden“ und „Sol­veig’s Song“ aus Edvard Grieg’s „Peer Gynt Suite“ als Solist zusammenführt, ist wohl der Moment des Abends mit dem größten Tiefgang, ein in Töne ge­gossener Augenblick der Hoffnung und Zuversicht in einer Welt, in der, wie Hai­der es ausdrückt, „man immer wieder den Eindruck hat, dass anscheinend alle verrückt geworden sind.“ Man wisse zwar nie, was komme, er freue sich aber trotzdem bereits heute auf seinen nächs­ten Besuch im Birdland, sagt der immer noch ungemein kreative und umtriebige Tausendsassa des Jazz, bei dem man nicht das geringste Anzeichen von Al­tersmüdigkeit feststellen kann. Joe Hai­der live? – Immer wieder gerne. Und am besten noch ganz oft.