Tango Transit | 16.01.2026

Neuburger Rundschau | Peter Abspacher
 

Das Akkordeon ist im Jazz, egal ob in einer Bigband oder in kleineren Formationen, nicht gerade der Star unter den Instrumenten. Diese Rolle spielen eher das Saxofon, das Piano, die Klarinette, die Gitarre oder auch mal der Kontrabass. Der umjubelte Auftritt der Band Tango Transit im Birdland Jazzclub lieferte eine hinreißende Begründung dafür, das gerade das Akkordeon zum Instrument des noch jungen Jahres 2026 ausgerufen wurde.

Martin Wagner, der Bandleader und Komponist oder Arrangeur der meisten Songs, spielt sein voluminöses, mit ungewöhnlich vielen Tasten und Registern ausgestattetes Akkordeon als wahrer Teufelskerl. Der Mann ist musikalisch physisch und psychisch geradezu mit seinem Instrument verschmolzen.

Rasende Leidenschaft, verrückte Tonkaskaden in allen möglichen Varianten, melancholische Träumereien, Wut, Zorn, Sehnsucht und unbändige Emotion – all das erfüllt immer wieder das bis auf den letzten Platz besetzte Kellergewölbe. Und Martin Wagner liefert ein Minenspiel und körperlichen Einsatz, bei dem jeder einzelne Gesichtsmuskel und auch die meisten anderen der über 200 einzelnen Muskeln des Körpers gefordert sind.

Manchmal wirkt der Akkordeon-Virtuose wie außer Rand und Band, wenn zum Beispiel bei „Waltz for Angie“, „Night in Egypt“ oder seiner Interpretation des Welthits „Money“ von Pink Floyd die Post abgeht. Da hält es Wagner nicht mehr auf seinem Klavierhocker, er schraubt sich in die Höhe, singt die wildesten Presto-Figuren mit und greift sich buchstäblich den ganzen Raum.

Aber außer Kontrolle ist das nicht. Die musikalische Substanz seiner Songs ist dafür zu stark, es geht eben nicht vordergründig darum, wie viele Töne in einer Sekunde man noch bewältigen kann, ohne dass ein wildes Durcheinander herauskommt.

Die wahre Substanz steckt im Wörtchen Transit. Mit seinen vorzüglichen Mitstreitern Hanns Höhn (Bass) und Andreas Neubauer (Schlagzeug) trifft dieses Trio die Seele des argentinischen Tango genauso überzeugend wie den erotisch angehauchten Zauber orientalischer Nächte, den Schmerz und die Kraft der Jazzer von New Orleans. Der Kontrabass und das Schlagzeug agieren auf musikalischer Augenhöhe mit dem Akkordeon, sie gehen manch scharfen Ritt des Bandleaders eine Strecke weit mit und setzen gleich darauf einen eleganten, weicheren und rhythmisch mit Raffinesse gewürzten Kontrapunkt.

Und die drei Jazzer haben noch einen besonderen musikalischen Spaß zu bieten. Aus den scheinbar so einfachen Volksliedern „Ein Jäger aus Kurpfalz“ und „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal“ machen Wagner, Höhn und Neubauer ein pures Hörvergnügen irgendwo zwischen Jazz, Rock und Pop. Frech, frisch, frei und wenn man so will vogelwild. Auch so etwas gehört zu einem tollen Konzert.