„Wir sind eine Tanzkapelle!“ Klingt grundsätzlich schon mal interessant, auch wenn so ein Satz auf der heiligen Bühne des Birdland-Clubs fällt, wo dessen Chef Manfred Rehm wegen solch populistischer Ausritte mahnend die Stirn runzelt. Und dann noch die Besetzung mit lediglich zwei Gitarren. Doch Joe Bawelino und Gige Brunner haben in der Tat jede Menge schwungvoller Rhythmen im Gepäck: Slowfox, Samba, Walzer. Und sie schicken sich an, eine lieb gewordene Tradition mit neuem Leben zu erfüllen. Denn das regelmäßige Weihnachtskonzert zweier Saitenhelden, auf das sich nicht nur Stammgäste immer wieder freuten, seit der Club 1991 im Hofapothekenkeller eine neue Heimstatt fand, schien nach dem Tod von Helmut Nieberle 2020 und der Erkrankung von Helmut Kagerer schlagartig beendet. Nun aber besteht Hoffnung auf einen Neustart, womöglich gar mit Langzeiteffekt – dank Bawelino und Brunner.
Dabei könnten die beiden Gitarreros unterschiedlicher kaum sein, nicht unbedingt optisch, sondern eher was den Spielstil anbelangt. Jeder nähert sich auf seine Weise den Themen, wobei das ungleiche Duo dabei immer wieder erstaunlicherweise einen gemeinsamen Nenner findet. Während der 62-jährige Gige alias Gerhard – im Hauptberuf Comiczeichner – dem im Folk gebräuchlichen Finger-Styling frönt und mit frappanter Gelenkigkeit kernig durch den Dschungel der wild wuchernden Harmonien galoppiert, versteht sich „Big Papa“ Joe mit seinen 79 Jahren als ein feiner Dekorateur eines großen Ballsaals, der die Tradition des Sinti-Gitarren-Übervaters Django Reinhardt fortführt, aber auch die großen Amerikaner Joe Pass, Wes Montogomery und George Benson mit jeder Faser aufgesogen hat. Bei solch konträrer Mixturen knirscht es normalerweise an allen Ecken und Enden. Doch Bawelino und Brunner kennen einander nun schon viele Jahre und wissen, dass sie vor allem als Duo glänzen können, wenn sie sich auf die Linien des jeweiligen Gegenübers einlassen, anstatt gegen sie anzuspielen.
Nur in ganz wenigen Fällen, wenn vor allem Brunner im Überschwang des Höllentempos die Gäule durchgehen, wird es ein wenig verhuscht und unsauber. Aber den Affenzahn schätzen beide offenbar sehr, wobei sie bei einigen Themen wie Fats Wallers „Honeysuckle Rose“ sogar problemlos über die Runden kommen, ohne dabei in eine Radarfalle zu tappen. Der Rest gleicht einer vorweihnachtlichen Wohlfühl-Musicbox für Erwachsene. Viele Themen besitzen einen hohen Wiedererkennungswert wie „Caravan“, „Samba De Orfeo“, das untrennbar mit den Beatles verknüpfte „Till There Was You“, „Whispering“ oder „Bye Bye Blackbird“. Die Kolorierung obliegt ganz klar Bawelino, der jeden Ton wie im wehmütigen „Nuages“ wägt und prüft, bevor er ihn erklingen lässt, oder lieber Schleifen und Linien knüpft, als effekthascherisch zu gniedeln. Vor allem in „Me Hum Mato“, einer Komposition der Sinti-Legende Schucknack Reinhardt, zeigt er sich von seiner intensivsten Seite. Bei „Big Papa“ klingt sogar dieses Stück, dessen Übersetzung aus der Sinti-Sprache so viel wie „Ich bin besoffen“ bedeutet, wie ein erhabener, melancholischer Sehnsuchtsmoment.
Wie üblich beim „B-Duo“ gibt es gleich drei Zugaben, eine davon ist der legendäre „Schorschi“, nämlich „Sweet Georgia Brown“. Wenn die beiden Freunde durch ihr Repertoire schlendern, wird mit einem Mal ihr Geheimcode in der Harmoniebegleitung sicht- und hörbar: die tiefe, fette, gemeinsam angeschlagene E-Saite. Damit lässt sich selbst bei kritischen Zuhörern ein Lächeln über die Zwei-Mann-Tanzkapelle auf die Lippen zaubern.

