Eine Herausforderung für das Mainstream-Ohr einer-, ein ideales Betätigungsfeld für die Gruppe all jener andererseits, die ständig auf der Suche sind nach ihnen bislang noch nicht untergekommenen musikalischen Formen, neuen Eindrücken und Hörerfahrungen. Wer zu ihr gehört, kommt um die Namen des Vibrafonisten Christopher Dell, des Schlagzeugers Christian Lillinger und des Kontrabassisten Jonas Westergaard nur schwerlich herum. Nach diversen Gastspielen im Birdland mit Kollegen und in unterschiedlichen Besetzungen stehen sie diesmal als – verstärkt durch Bob Degen am Flügel – in der vom Trio zum Quartett erweiterten Band namens „Supermodern“ auf der Bühne.
Wenn die drei auf einer Konzertbühne auftauchen, hat man es als Zuhörer nicht selten mit weitgehend avantgardistischer Musik zu tun. Aktuell setzen sie sich auf ihre ureigenste Weise mit dem Nachlass des legendären Modern Jazz Quartet auseinander, das selber einst im Birdland gastierte, mit dem „Third Stream“, mit der Verbindung von amerikanischem Cool Jazz und und europäisch geprägter Kammermusik, mit der Auflösung der im letzten Jahrhundert üblichen Kategorien U- und E-Musik. Bei Supermodern dient oft ein einzelner Takt als Ausgangspunkt. Er wird in diversen rhythmischen Varianten und Verschachtelungen mantraartig wiederholt. Die Stellen, an denen sich die Reproduktionen überlagern, werden bearbeitet. In manchen Phasen des Konzerts kann man diesem Konzept, an dem das gesamte Kollektiv beteiligt ist, recht gut folgen, etwa wenn das Piano die Vorgaben des Vibrafons wie eine Echowand zurückwirft und der Augenblick der Verzögerung genau die Stelle ist, die das Quartett herausfordert und zum kreativen Handeln zwingt.
Es ist offensichtlich, dass hinter einem Konzept wie diesem jede Menge Kopfarbeit und Intellekt steckt und man nicht unbedingt Musik erwarten kann, die für die Nebenbei-Rezeption entwickelt wurde. Dennoch entsteht mit den Stücken, die oftmals nur mit Arbeitstiteln wie „Skizze 01“ oder „Turn X“ versehen und suitenartig zu Blöcken zusammengezogen werden, hochenergetische Spannungsfelder, die sich kaskadenartig entladen und zusammen mit der Virtuosität der Beteiligten – bei Dell und Lillinger zeigt sich jene ganz besonders – und der ständigen Kommunikationsbereitschaft innerhalb des Quartetts, eine Musik, die auch wegen ihrer Körperlichkeit beeindruckt. Cluster, Soundscapes und flächige Klänge stehen heftigen Eruptionen gegenüber, gehen auseinander hervor, bedingen und befruchten sich gegenseitig. Wer als Zuhörer bereit ist, sich in dieses Spannungsfeld hineinziehen zu lassen, dem könnten sich durchaus neue Welten erschließen.
Dass das Konzept aufgeht, zeigt sich am Ende daran, dass das Auditorium nach zwei Zugaben verlangt, was man angesichts der Komplexität des Gebotenen ja nicht automatisch voraussetzen darf. Und es beweist einmal mehr den enormen Unterschied zwischen der Konserve, die es unter der Bezeichnung „Supermodern II“ auch gibt, und der Live-Situation. Die Musiker nicht nur zu hören, sondern bei ihrem Tun auch noch aus nächster Nähe zu beobachten in einem Club von internationaler Bedeutung, den man als Bewohner der Region auch noch quasi direkt vor der Nase hat, bereitet doppeltes Vergnügen. Wer hier noch zögert, dem ist nicht zu helfen.

