Die Dichte an Preisträgern ist außergewöhnlich an diesem Abend im Birdland Jazzclub in Neuburg, die Zusammensetzung der Band ist es ebenfalls und auch die Situation ist es, weil der Bayerische Rundfunk das Konzert für das Birdland Radio Festival mitschneidet, das damit auf die Zielgerade einbiegt. Die aus Seoul, Korea, stammende Ausnahme-Pianistin Gee Hye Lee hat ihr Trio mit Joel Locher am Kontrabass und Mareike Wiening am Schlagzeug mitgebracht und auch noch Alexander Kuhn am Tenorsaxofon und den Shooting Star Jakob Bänsch an der Trompete hinzu gebeten, um mit ihnen zusammen ihr aktuelles Album „Encounters“ vorzustellen.
Der Titel bedeutet – wie auch die ko-reanische Bezeichnung des Stückes „Mannam“ kurz nach der Pause – „Begegnungen“, und zwar solche freundschaftlicher, liebevoller Art, aus denen man Lebensfreude und Kraft gewinnen kann. Um die Schönheit zwischenmenschlicher Verbindungen voll emotionaler Nähe und langjährige Freundschaften geht es an diesem Abend, um positive Intensität und die Schönheit des Augenblicks, die in Musik ihren Ausdruck finden. Deshalb heißt der letzte Titel des regulären Programms auch „For Today“, den Lee nach eigener Auskunft ganz speziell wegen dieses einen Auftritts im Birdland geschrieben habe. „Aber das sage ich jeden Abend“, gibt sie unumwunden zu. Ja, diese Frau ist nicht nur eine exzellente Pianistin, sie hat auch Humor.
Die emotionale Tiefe, auf die es der Bandleaderin ankommt, spiegelt sich in ihren Kompositionen wider. Harmonien, in die man als Zuhörer mit wohligem Gefühl eintauchen kann, stehen lebhaften Melodien und Rhythmen voller Dynamik gegenüber, weite Spannungsbögen korrespondieren mit metrischen Kürzeln. Die Schönheit, die diese Musik ausstrahlt, ist durchaus mit mit Ecken und Kanten versehen, Wohlklang beinhaltet hier durch die Bank auch kompositorische Finesse und ein gewisses Maß an Unvorhersehbarkeit. Lustvolles Schwelgen und konzentriertes Zuhören sind also gleichermaßen gefordert.
Jedes Stück hat eine eigene Geschichte. „A Journey Of Nonsense“ ist die Vertonung einer recht chaotischen Konzertreise durch die Türkei, in „Korea, Here I Come“ kommt die Vorfreude vor dem Besuch in der alten Heimat zum Ausdruck, „A Letter To Her“ ist ein Brief an die Mutter in Notenform und „Seoul My Soul“ sagt vom Titel her schon alles. Wie das Album ist das Konzert ein Aufruf, den Wert der persönlichen Begegnung zu würdigen, die damit verbundene Schönheit des Moments, die innere Verbundenheit, das Positive zu betonen, das es immer noch gibt, auch in Zeiten, in denen es anscheinend immer nur das Negative in die Schlagzeilen schafft. Gee Hye Lee’s Stücke vermitteln diese Haltung, in Töne verwandelt von durch die Bank erstklassigen Musikern, auf beeindruckende Weise. Weil die Kompositionen zwar Schönheit, nie aber Naivität ausstrahlen, in ihrer Konzeption die Realität also nicht negieren, gehen sie auch dermaßen in die Tiefe. Keiner im Auditorium hat es in der Hand, in großem Stil die Welt zu verbessern, aber er kann sich daran erfreuen, wenn in seinem persönlichen Umfeld das Positive überwiegt. Ist das geschafft, ist schon viel erreicht.

