Kris Davis Trio | 15.11.2025

Donaukurier | Karl Leitner
 

Das derzeit laufende 15. Birdland Radio Jazz Festival zieht alle Register. Ein Hammer folgt auf den anderen. Diesmal ist die Combo der aus Vancouver, B.C., stammenden und in New York lebenden Pianistin Kris Davis zu Gast in Neuburg, ein Trio, das, wie Ulrich Habersetzer vom Bayerischen Rundfunk, der das gesamte Festival mitschneidet, in seiner Einführung betont, das „Piano Trio im Jazz gerade völlig neu definiert“.

Womit er, lässt man das Konzert nach dessen Ende noch einmal Revue passieren, durchaus recht haben könnte. Weil das Trio, zu dem auch Robert Hurst, Stammbassist in der Band von Wynton Marsalis, und Jonathan Blake, einer der weltweit besten und innovativsten Jazz-Drummer, gehören, zwei Welten des Jazz miteinander verknüpft wie sonst aktuell keine andere, die der größtmöglichen Freiheit mit der der absoluten Präzision. Als Kris Davis, in der viele die legitime Nachfolgerin der großen Geri Allen sehen, vor ziemlich genau zwei Jahren mit dem Borderlands Trio in Neuburg gastierte, ging es um Jazz-Avantgarde, langen, frei fließenden Themenblöcken, diesmal stehen fest umrissene Kompositionen auf der Setlist, innerhalb derer sich allerdings diverse Rhythmen permanent umtänzeln, kreuzen, sich ver- und wieder entwirren, stehen Melodien, die sich ähnlich verhalten, verwandeln sich harte Grooves plötzlich in weich fließende, weichen gerade noch fast überdeutlich hör- und spürbare Patterns von einem Augenblick zum nächsten in nur noch angedeutete. Spontane Abbrüche sind ebenso Teil dieses Konzerts, das im Grunde ein einziges großes Abenteuer ist, wie Phasen, in denen man meint, man säße mitten drin in einem dauer-aktiven Perpetuum Mobile.

Blake, Drummer der kurzen Wege bei höchster Effizienz und immenser Schlagzahl, spielt komplett aus dem Handgelenk heraus, der Stoiker Hurst sorgt für eine wie in Granit gemeißelte Basis, die durch nichts und niemand zu erschüttern ist, auch nicht durch Davis‘ Eskapaden, ihre quirligen Läufe, ihre geschickt gesetzten Pausen, ihre ständigen Akzentwechsel. Und so „stolpert“ die Band quasi hinein in dieses herausragende Konzert mit „Little Footprints“, das also ganz bewusst diesen Titel trägt, lässt sich bei „Lost In Geneva“ und bei „The Ballerina“ kollektiv zurückfallen, um dann mit „Run The Gauntlet“, was so viel wie „Spießrutenlaufen“ bedeutet und gleichzeitig ihr aktuelles Album „Diatom Ribbons“ eröffnet, einem ersten Höhepunkt zuzustreben. Dem noch etliche folgen, zum Beispiel eine kühne Version von „Papa-Daddy And Me“ aus der Feder des kürzlich verstorbenen Schlagzeugers Jack DeJohnette, der 2016 selbst noch im Birdland auftrat, damals als Solist am Flügel, oder einer kaum weniger waghalsigen Interpretation von Thelonious Monk’s „Evidence“.

Das Konzert des Kris Davis Trios dürfte zu denen gehören, die in die Annalen des Birdland Jazzclubs eingehen werden. Wegen der damit verbundenen musikalischen Außerordentlichkeit, wegen des richtungsweisenden Charakters, wegen der Sonderstellung, die es sogar angesichts dieses wahrlich heißen Jazz-Herbsts im Birdland – im Rahmen des Festivals wie auch im „Normal“-Programm – einnimmt. Wer Zeuge dieses denkwürdigen Abends war, kann sich wahrlich glücklich schätzen.