Die „Tiefe des Raumes“ ist eine oft benutzte Wendung aus der Sprache des Fußballs. Bei Jens Düppe, dem mit Preisen üppig dekorierten und vermutlich derzeit richtungsweisendsten Schlagzeuger des deutschen Jazz, kann man dabei eher an Zeitfenster denken, die sich auftun. Dahinter liegen Räume, deren Ausdehnung abhängig ist vom Format und der Größe des Ensembles, für das eine Komposition geschrieben wurde. Diese Räume zu füllen, ist das Anliegen Düppes und seines Quartetts, das durch den Tenorsaxofonisten Francesco Bearzetti aus Turin beim Birdland-Konzert aufgestockt wird zum Quintett.
Die Ausgestaltung klanglicher Räume ist die Philosophie hinter Düppes aktuellen Album mit dem Titel „Ism“ wie auch seines Konzerts. Vom Duo aus Saxofon und Lars Duppler am Klavier bei „Sunday People“ über das Trio bei „Gravitational Love“ mit Christian Ramond am Kontrabass bis hin zum Quintett bei „Hello!“ und „Headspin“, die durch die Bläser – neben Bearzetti ist der großartige Trompeter Frederik Köster mit von der Partie – definiert sind, schreibt Düppe auch für große Ensembles wie Oktette, Nonette und Big Bands, ist also quasi prädestiniert, wenn es um die passende Architektur besagter Räume geht. Nur kann es ja nicht dabei bleiben, sie zu schaffen, noch entscheidender ist es, sie auch zu füllen.
Dabei kann es durchaus experimentell zugehen, ist man als Zuhörer nie vor Überraschungen gefeit, muss man sich schon einlassen auf den Gestaltungsreichtum dieser fünf Musiker. Improvisation, Interaktion und die Lust, jede denkbare Möglichkeit zumindest in Erwägung zu ziehen, sind die Grundvoraussetzungen, dass ein Projekt wie dieses funktioniert. Mit zwei Bläsern, die herrlich kooperieren und anscheinend über eine ähnliche musikalische DNA verfügen, und mit Düppe als Strippenzieher mit untrüglichem Gespür für Dynamik und Energie, der vermutlich durchaus eine klare Vorstellung davon hat, wie der von ihm selbst geschaffene Raum auszugestalten ist, die Musiker aber nicht beschneidet oder bevormundet, wenn sie statt dessen einen Plan B bevorzugen. Man kann diese Stücke so spielen wie im Birdland, eine Verpflichtung dazu aber gibt es deswegen noch lange nicht.
Und so sind „See You Again“ und „Hit It“ in ihren Birdland-Versionen Unikate, ist „Piece For Peace“, das die spirituelle Tiefe eines Bill Evans widerspiegelt, ebenso einzigartig wie das archaische „Dance Of The Mamuthones“, das auf einem sardischen Tanz basiert. Die halsbrecherischen Unisoni-Passagen bei „The Chase“, die lyrische Komponente von „Magnolia“, die gute Laune hinter „Toast And Salty Butter“ – die Ausgestaltung der Räume ist vielgestaltig und unterschiedlich, in der für diesen speziellen Abend ausgewählten Form möglich, aber nicht zwingend. Luxuriös oder eher spartanisch, behaglich oder eher nüchtern, aufgeräumt oder vielleicht sogar ein wenig unordentlich? Nichts wird von vorne herein ausgeschlossen, auch nicht das Sprengen von Konventionen, die Infragestellung des ansonsten Üblichen. Für den Konsumenten, also den Zuhörer, ist das, was Düppe und seiner Mannschaft an diesem Abend einfällt, nicht unbedingt leichte Kost. Dennoch reagiert das Auditorium begeistert, was belegt, dass ein Publikum, das über Hörerfahrung verfügt und bereit ist, zusammen mit den Musikern in die Tiefe zu gehen, auch bereit ist Kreativität zu würdigen und auch mal den etwas anderen Weg mitzugehen.

