Yuval Cohen Quartet | 01.11.2025

Donaukurier | Karl Leitner
 

Am Ende des Konzerts, nach zwei umjubelten Zugaben, liegen sie sich in den Armen. Musiker, Bandbetreuer, Veranstalter und der Vertreter von ECM Records, der extra angereist ist, um das Yuval Cohen Quartet, das vor nicht allzu langer Zeit erst einen Vertrag bei dem Label unterschrieben hat, zu beglückwünschen. Was für ein Abend! Sopransaxofonist Yuval Cohen, Bruder von Avishai und Anat Cohen, die im Bekanntheitsgrad derzeit noch vor ihm liegen, Pianist Tom Oren, Kontrabassist Alon Near und Schlagzeuger Alon Benjamini werden nicht müde, sich immer wieder bei dem andächtig lauschenden und nach jeder Nummer lauthals jubelnden Publikum zu bedanken. Worauf selbiges den Spieß umdreht, begeistert von der Spielkultur, der immensen Vielfalt, der emotionalen Tiefe und der Warmherzigkeit, die von diesem Quartett ausgeht.

Und hätte die Band auf der Bühne auch noch ein paar Stunden länger weiter gespielt, wäre das vermutlich niemandem zu viel geworden. Es gibt Momente, die man am liebsten festhalten möchte. Das Konzert ist so einer. Hinter jedem der elf Stücke, die Cohen für das Birdland ausgewählt hat, steht eine Geschichte. Die meisten davon befinden sich auf dem ECM-Debut, das den Titel „Winter Poems“ trägt, aber nichts zu tun hat mit Schneestürmen und Minusgraden, sondern eine Verbindung herstellt von Franz Schuberts „Winterreise“ als Ausgangspunkt und Cohen’s Interpretation derselben. Der Gegenpol dazu ist „Blues For A Better World“, das unter dem Eindruck des Gaza-Krieges entstanden ist, dessen Auswirkungen die Band, ansässig in Tel Aviv, hautnah täglich miterlebt. Und dann sind da ja auch noch die kleine Melodie von „Helech Ruach“, was im Hebräischen so viel wie „Stimmung“ heißt, die in Richtung Klezmer verweist, und „Song For Lo Ann“ mit regelrecht singendem Kontrabass, weich federnden Drums und einem Pianisten, der sich nicht nur hier mit diebischer Freude quer legt. In „Dance Of The Nightingale“ und „Avia“ gleich zu Beginn spielt die Band ihre unglaubliche technische Brillanz aus, offenbart mit „First Meditation“ anschließend ihre Hingabe, ja, Liebe zum Lyrischen und stellt anhand von „For Charlie“ dem Publikum schließlich augenzwinkernd die Frage, wer damit denn wohl gemeint sein könnte. Charlie Christian? Charlie Parker? Charlie Haden? Nein, Charlie Chaplin geisterte ihm im Kopf herum, als er die Nummer schrieb.

Yuval Cohen ist in gewisser Hinsicht ein Jongleur, der mit einer Vielzahl von Ausdrucksformen spielt, vorsichtig und mit Bedacht, dabei kammermusikalische Gesichtspunkte beachtet wie die individuelle Rollenzuteilung nicht nur bei den Soli und ebenso dynamische Aspekte, was, noch verstärkt durch die Absenz jeglicher Berührungsängste, ein dermaßen spannendes Konzept ergibt, dass man nur hingerissen sein kann. Und weil Cohen es damit noch immer nicht gut sein lassen will, gönnt er seinen an diesem Abend neu hinzugewonnenen Fans mit „All The Things You Are“ und „The Best Things In Life Are Free“, auch noch zwei Standards. „Damit Ihr auch was Handfestes habt und nicht nur ständig unser eigenes Zeug hören müsst“, wie er humorvoll anmerkt. – Das Yuval Cohen Quartet ist ein echtes Highlight, gleich am ersten Tag des Monats November, dessen Programm – wegen des Birdland Radio Festivals, aber auch darüber hinaus – regelrecht gespickt ist mit Jazz-Schwergewichten. Was einen heißen Herbst erwarten lässt.