Yuval Cohen Quartet | 01.11.2025

Neuburger Rundschau | Reinhard Köchl
 

Wintergedichte an Allerheiligen: Passt vielleicht nicht so ganz. Das triste, nassgraue Novemberwetter ist nun mal kein Traum in Weiß. Aber die Atmosphäre, die Yuval Cohen an diesem Samstagabend mit seinem jungen Quartett in den Neuburger Hofapothekenkeller zaubert, kann einen schon gefangen nehmen, aber auch für andere Dinge sensibilisieren. Den verheerenden, unversöhnlichen Krieg in und um seine israelische Heimat zum Beispiel. Eigens dafür hat der dritte Spross der hochmusikalischen Cohen-Familie (Schwester Anat gilt als eine der weltbesten Klarinettistinnen und Bruder Avishai besitzt einen ebenso glänzenden Ruf an der Trompete) ganz aktuell den „Blues For A Better World“ geschrieben. Kein Patriotismus, keine Parteinahme. Einfach nur stille Trauer, Wehmut, Verzweiflung und Schmerz an der Grenze zur Hörbarkeit.

Wenn Yuval Cohen Luft durch sein Mundstück schickt, dann erzählt er Geschichten in seiner ureigenen Diktion; aufregend, nachdenklich, emotional, bewegend. Mit allen Wassern einer klassischen Ausbildung gewaschen, erweist er sich als disziplinierter Freigeist, der seine anerzogene Virtuosität klug mit der Expressivität John Coltranes vermengt, der Instanz am Soprano schlechthin. Nicht umsonst zollt der 52-Jährige seinem Vorbild mit „My Favorite Things“ Tribut und offenbart dabei ohne Effekthascherei, wie sehr er dieses schwierig zu bedienende Instrument beherrscht. Aber Yuvals Stern könnte nur halb so hell strahlen ohne seine junge, extrem musikalische Freundesband im Rücken. Tom Oren erweist sich als einer der besten Pianisten, die je ihre Finger auf die Tasten des Birdland-Bösendorfers legten. Mit der Neugier eines Malers agiert Bassist Alon Near, während Drummer Alon Benjamini sich wie ein Waldläufer omnipräsent, federleicht und blitzschnell durch alle Tempi bewegt. Das Quartett agiert aus einem Guss und erhebt so den „Song For Lo Am“ mit seiner wunderschönen, eingängigen entschleunigten, ruhig pulsierenden Melodie zu einem innerlich wärmenden Höhepunkt.

Es sind wahre Glücksmomente des Hörens und Genießens, die im Laufe der viel zu schnell vorüberziehenden 120 Minuten pausenlos die Seele fluten. „Avia“ zum Beispiel mit seinen vielen kleinen Lichtern erweist sich als profundes Exempel für die feine, gelungene Verflechtung des klassischen Genres mit dem Jazz, angereichert durch unscheinbare Sprenkel aus jüdischer und nahöstlicher Folklore. „For Charlie“ – nicht etwa dem Bassisten Haden oder dem Altsaxofonisten Parker gewidmet, sondern Charlie Chaplin – erobert jedes Herz als zarte Ballade, die mit jedem Ton ein klein bisschen mehr zu schmelzen scheint. Der gesamte Birdland-Jazzclub lauscht mit offenen Mündern, und am Schluss kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Zwei Zugaben müssen es für Yuval Cohen und Co. unbedingt sein, und wenn Technik-Chef Robby Komarek nicht das Licht hochgedimmt hätten, würden die vier wahrscheinlich immer noch spielen. Bravo!