|
Streng genommen dürfte es eine
Einrichtung wie den Birdland-Jazzclub in Neuburg an der Donau überhaupt
nicht mehr geben. Er passt genauso wenig in die schrille, bunte
Gegenwartskultur wie das Nürnberger Jazzstudio. Ein Anachronismus aus einer
Zeit, als es noch keinen Pop, keinen Hiphop oder das Internet gab, und wie
alle anderen Künste am äußersten Rand der öffentlichen Wahrnehmung scheinbar
ein finanzielles Fass ohne Boden. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn
das oberbayerische Birdland in diesem Jahr sein 50. Jubiläum begeht. Nicht
etwa im Stillen, sondern vielmehr laut und selbstbewusst mit einem
viertägigen Open Air. Zwischen dem 10. und 13. Juli strömen die Jazzfans in
Massen in den malerischen Innenhof des Neuburger Schlosses, um zusammen mit
Weltstars wie Curtis Stigers, Ron Carter, Till Brönner oder Paul Kuhn das in
der Tat außergewöhnliche Jubiläum zu feiern.
Ein halbes Jahrhundert Kampf wider den Trend: Wie so etwas funktionieren
kann? Mit dem oft zitierten Idealismus, einer Portion Glück, Ausdauer und
den richtigen Personen an der richtigen Stelle. Was in Nürnberg über
Jahrzehnte hinweg in den bewährten Händen von Walter Schätzlein lag,
bewältigt knapp 100 Kilometer weiter südlich Manfred Rehm. Beides
ehrenamtliche Enthusiasten, die zwei der ältesten noch existierenden
Jazzclubs aufbauten. Neben dem Jazzstudio (Gründungsjahr 1954) und dem
Birdland, das nach seinem großen Vorbild, der „Jazz corner of the world“ in
Manhattans 52. Straße benannt ist, gibt es lediglich noch das legendäre
Village Vanguard in New York, das seit sechs Jahrzehnten Live-Jazz bietet.
Dabei dreht Manfred Rehm keineswegs permanent am Rad der Zeit. In seinem
Keller in der Neuburger Altstadt offeriert er mit rund 60 Konzerten pro Jahr
einen ebenso vielfältigen wie repräsentativen Querschnitt des Jazz im 21.
Jahrhundert, dessen swingende Attitüde aus den Gründerjahren allenfalls eine
von mehreren Facetten neben zeitgemäßer Worldmusic, Blues, Rockjazz, Funk
oder Avantgarde darstellt. „Wir versuchen, alle Entwicklungen dieser
Musikrichtung darzustellen“, skizziert Rehm die Strategie. „Wobei wir nicht
jeder Mode hinterher rennen.“ Der Birdland-Stil, diese ganz spezielle
Mischung aus Stil, Konstanz, Entdeckergeist und einem nahezu konkurrenzlosen
Ambiente, hat den Club mittlerweile zu einer der ersten Adressen für Musiker
und Fans werden lassen. Vor allem ein Verdienst des Neuburger
Jazzclub-Chefs, den sie längst respektvoll „Impresario“ nennen.
Schon als 17-Jähriger gehörte Rehm zu den Gründungsmitgliedern, organisierte
gemeinsame Plattenabende und erste Konzerte, bis der Club in den 1960er
Jahren vorübergehend in einen Dämmerschlaf fiel. Weil es den damaligen
Vorsitzenden Helmut Viertel beruflich nach Burghausen verschlug (wo er
später gemeinsam mit Joe Viera die Burghausener Jazztage ins Leben rief),
und der Zeitgeist andere Dinge in den Vordergrund rückte, erlosch das
Interesse an Jazz in der 20 000 Einwohner-Kleinstadt allmählich. Nur Rehm
blieb bei der Stange, reanimierte den Verein 1985 und stieß nur sechs Jahre
später bei der Restaurierung der Hofapotheke aus dem 18. Jahrhundert auf ein
verschüttetes Gewölbe, „eine der schönsten Räumlichkeiten, in denen der Jazz
weltweit gedeiht,“ wie es der amerikanische Gitarrist John Scofield nach
seinem ersten Besuch in Neuburg enthusiastisch formulierte. Er und viele
andere Weltklassemusiker wie Diana Krall, Brad Mehldau, Bennie Wallace,
Enrico Rava, Abbey Lincoln oder Charles Lloyd nennen das Birdland einen der
wichtigsten Live-Orte der europäischen Jazzszene. Der Club produziert eigene
CDs, gestaltet für den im benachbarten Ingolstadt angesiedelten
Automobilkonzern Audi seit 2001 regelmäßige Jazzkonzerte und kann sich seit
über einem Jahrzehnt nahezu frei von jedweden finanziellen Sorgen durchs
Jahr bewegen.
Ein geradezu paradiesischer Zustand für Kulturarbeiter, jedoch kaum auf
andere Institutionen übertragbar. Denn das Erfolgsrezept des Birdland ist
der „Faktor Rehm“. Nominell zwar ein eingetragener Verein, läuft der
Neuburger Jazzclub in Wirklichkeit doch als Ein-Mann-Betrieb. Rehm macht
Programm, verhandelt mir Agenturen, organisiert den Aufenthalt der Musiker,
kümmert sich um die Presse und sogar um das Verteilen der Infohefte. Mit
Beharrlichkeit gelang es ihm, einen soliden Sponsorenkreis aus öffentlichen
und privaten Geldgebern für seine Idee zu begeistern. „Die Mühe lohnt sich,
wenn man jede Woche tolle Konzerte erleben kann und sich langsam der Erfolg
einstellt“, sagt er bescheiden. Mit ihm, und das wissen mittlerweile alle,
präsentiert sich der Jazz in Neuburg gesund und munter. Trotz seiner
mittlerweile 50 Jahre.
|