10 Jahre Birdland... von Reinhard Köchl

  
Als sich John Scofield im September vergangenen Jahres nach einem furiosen Konzert vom Publikum im Neuburger „Birdland“-Jazzclub verabschiedete, wischte sich der weltberühmte, weit gereiste Gitarrist zuerst den Schweiß von der Stirn, sammelte sich und bat dann einen Moment um Ruhe. „Ich wollte nur sagen, dass ich schon lange mal hier spielen wollte. Ihr wisst hoffentlich alle, was ihr an diesem Platz habt. So etwas gibt es in ganz New York, in ganz Amerika nicht, glaubt mir!“
 
Die spontanen Worte schwingen bis heute in dem historischen Gewölbe unter Hofapotheke nach und skizzieren eindrucksvoller als jede künstliche Lobhudelei die Ausnahmeposition des Clubs, in dem am 1. Februar 1991 zum ersten Mal Livemusik erklang. 472 Konzerte oder zehn Jahre später gilt Neuburg in aller Welt als absolute Topadresse des Jazz. Manfred Rehm, Gründungsmitglied, Herz und Kopf der swingenden (zeitgemäßer formuliert: groovenden) Bürgerbewegung, mit einer Unmenge von Plänen in das Abenteuer „Jazzclub“ gestartet, wundert sich nach wie vor, dass die Realität selbst seine kühnsten Erwartungen übertraf. Rehm: „Was seitdem alles passiert ist, lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben.“
 
Eine Jazzmärchen, das ausgerechnet in der vielleicht dunkelsten Stunde der „Birdland“-Geschichte seinen Anfang nahm. 1990, in einer Zeit also, da sich endlich ein größerer Publikumskreis für die sonst eher am Rand dahin dümpelnde Musik zu interessieren begann, sah sich Rehm jäh wieder an den Ausgangspunkt seiner Bemühungen zurück versetzt. Im früheren „Coccodrillo“ an der Luitpoldstraße, wo der rührige Impresario glaubte, eine dauerhafte Heimstatt gefunden zu haben, war ihm über Nacht der Stuhl vor die Tür gesetzt worden. Für Rehm zwar keine unbedingt neue Erfahrung, aber doch der traurige Höhepunkt einer scheinbar endlosen Odyssee durch die Lokale der Stadt. Rennbahn, Café Huber, Fuchsbräukeller, Schöne Aussicht: überall wurde der Jazz zunächst mit offenen Händen aufgenommen, um dann nur wenig später wieder brüsk mit einem Fußtritt nach draußen befördert zu werden, weil entweder der Bierumsatz nicht stimmte oder aber sich andere Gäste über die schrille Musik aus dem Nebenzimmer oder die komischen Typen mit den seltsamen Instrumenten beschwerten.
 
Der Vereinschef wusste, dass jetzt der ganz große Befreiungsschlag kommen musste, wenn die Sache nicht endgültig den Bach hinunter gehen sollte. „Nach all den negativen Erfahrungen wollte ich den Club von einer Gastronomie unabhängig machen.“ Nur wo? Rehm suchte, prüfte und verwarf mehrere Möglichkeiten, bis dem Vermessungsbeamten bei der Sanierung der 1783 erbauten Hofapotheke in der Altstadt ein verschüttetes Gewölbe mit Rundbögen auffiel. Auf einmal bekam die Vision einen konkreten Hintergrund: moderner Swing in altem Gemäuer.
 
Noch bevor die Öffentlichkeit von der hochkarätigen Räumlichkeit Notiz nehmen konnte, hatte Manfred Rehm schon die Weichen zugunsten „seines“ Clubs gestellt. Die Stadt mietete den Keller an, vermietete ihn an das „Birdland“ als Hauptnutzer weiter und beteiligt sich seither mit einem immer wieder aufgestockten jährlichen Zuschuss (aktuell 45 000 Mark) am laufenden Konzertbetrieb. Darüber hinaus holte der Manager noch den jazzbegeisterten Geschäftsmann Fritz von Philipp (der ihm prompt zusammen mit der Stadt einen Bösendorfer-Flügel spendierte und die Förderung des Jazzclubs in einer Stiftung festschrieb), den Landkreis sowie andere Sponsoren ins Boot. Fertig war ein quasi maßgeschneidertes „Neuburger Modell“, um das den findigen Veranstalter mittlerweile die gesamte deutsche Konkurrenz beneidet.
 
Dem Konzertbetrieb bekommen solche Voraussetzungen natürlich vortrefflich. Über das besondere Ambiente des Kellers geraten sowohl Künstler aus den Vereinigten Staaten sowie Besucher aus ganz Süddeutschland regelmäßig ins Schwärmen. Der Club tritt als seriöser Partner mit Herzblut auf, der die unverstärkte, organische Akustik des Kellers mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln kultiviert. Rehm braucht inzwischen keinesfalls mehr händeringend um große Namen zu buhlen. Durch rege Mundpropaganda unter den Musikern ergeben sich viele ungeahnte Möglichkeiten zu absoluten „Freundschaftspreisen“. Stars wie Freddie Hubbard, Tommy Flanagan, Kenny Barron, Charlie Haden, Oregon  oder inzwischen verstorbene Bariton-Saxofonist Gerry Mulligan fragen von sich aus, ob sie in Neuburg auftreten können. Kürzlich klopfte gar der als extravagant geltende Pianist Ahmad Jamal mit dem Hinweis an, er spiele zwar nur noch in großen Hallen, für das „Birdland“ sei er aber jederzeit bereit, eine Ausnahme zu machen.
 
Vielen geht es in der Tat wie John Scofield: je mehr sich die Ära der Jazzclubs weltweit ihrem Ende zuneigt, um so intensiver genießen sie das besondere Flair des kleinen bayerischen Kellers. Deshalb denkt der Club-Vorsitzende nach einem bewegten Jahrzehnt längst noch nicht ans Aufhören, obwohl ihn eine seltsame Dauerfehde mit Kulturamtsleiter Dr. Dieter Distl oft genug an der Richtigkeit seines Tuns zweifeln lässt. Rehm in Anspielung auf manchen unerwarteten Nadelstich: „Überall loben und preisen sie uns in den höchsten Tönen. Da würde ich mir gerade von dieser Seite schon etwas mehr Anerkennung und Vertrauen wünschen.“ Das „Birdland“, so der Impresario, trage nämlich inzwischen auch einen ganz erheblichen Teil zur gewachsenen Attraktivität der Ottheinrichstadt bei.
 

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